Weltzustand Davos (Staat 4) im Schauspielhaus Zürich

Gigantomanie in den Schweizer Alpen

Ist Davos das moderne Bethlehem, von dem das Heil der Welt ausgeht? Ein „Zauberberg“ Thomas Mann’scher Prägung, der kaputte Lungen heilen soll, kurz: die Welt wieder aufatmen lässt? Beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum (WEF) in den Schweizer Bergen, das am 23. Januar in Davos beginnt, werden sich an die 3000 Teilnehmer die Klinken zur vermeintlichen Welt-Verbesserung in die Hand geben. Gleich sechzig Staatschefs zieht‘s in die Alpen - Trump inklusive. Zudem sollen auserlesene Koryphäen aus aller Welt das diesjährige Motto verinnerlichen: „Für eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt“.

Die Chance, dieses seit 1971 in Davos stattfindende Wohlfühl-Treffen auf die theatralisch –kritischen Hörner zu nehmen, ließ sich eine der ungewöhnlichsten Theatertruppen der Welt nicht nehmen: Rimini Protokoll, Label des Autoren– und Regie-Duos Helgard Haug und Stefan Kaegi, stellte sich dem Thema im „Schiffbau“ des Zürcher Schauspiels. „Weltzustand Davos (Staat 4) heißt die theatralische Sezierung, die vierte und letzte Folge einer Serie von „Experten-Theater“.

Dazu schickte das Rimini-Team einmal mehr Experten aus dem „richtigen Leben“ als Laien auf die Bretter, um zwischen Bühne und Öffentlichkeit Verbindungen herzustellen. Fünf Experten gerieten dabei ins Rampenlicht. Wobei sich die Theatermacher vor allem auch der Frage widmeten, ob in Davos wirklich die „Verbesserung der Welt“ Ziel ist. Ist es nicht bloßes Spektakel? Oder mauscheln hier gar wirtschaftliche Eliten mit der Politik hinter verschlossenen Türen um Einfluss und Macht.

Riminis Davos ist freilich weder moralische Anstalt noch geeignet, sich über die da oben, im abgeschirmten Ski-Mekka, erheben zu können. Das Team spielt gewissermaßen mit seinem Thema, Humor inbegriffen.

Schon das Bühnenbild schickt die Fantasie auf Reisen. Dominic Hubert hat die „Schiffbau-Box“ in eine ebenso fremdartige wie bekannte Szene verwandelt. Eine römische Arena könnte es. Das ovale Rund erinnert aber auch an eine Eishockey–Halle. Kein abwegiger Gedanke im Eid– und Eisgenossen-Land. Eine Arena ist es zweifellos, mit Kunststoff– Flocken übersät, die Schnee simulieren.

In dieser Welt agieren fünf Experten. Doch auch das Publikum ist aktiv. Wir vertreten nämlich, mit Unterlagen im Ringbuch, je eine der zahllosen, in Davos vertretenen Wirtschafts-Mächte. Ob Glasnost, Nestlé oder der Ölgigant Aramco – wir spielen mit, sind fiktive Chefs der wirtschaftlichen Weltmächte.

Eine gelungene Fiktion rund um die Experten, die für das wahre Leben stehen. Da ist Davos‘ Ex-Landammann Hans Peter Michel, der jahrzehntelang dabei war, organisiert und getrickst hat, sein Davos gut zu verkaufen. Neben ihm der 76-jährige Lungenfacharzt Otto Brändli, zudem der Soziologe Ganga Jey Aratnam, der dem Rohstoff-Multi Glencore in Sambia auf die miesen Spuren gekommen ist. Cecile Molinier legt sich seit 35 Jahren für die UNO ins Zeug, ohne auch nur annähernd über die Gelder zu verfügen, die den Wirtschaftsbossen zur Verfügung stehen. Sofia Sharkova, gerade mal 31, wirft sich wortreich für den WEF in die Arena.

Mit Ihnen und angeregt durch sie, fliegen wir mit dem Hubschrauber nach Davos. Rundum eingespielte Videos versetzen uns in die Wirklichkeit. Wir erleben in filmischen Rückblicken sowohl kleine Erfolge wie grandios gescheiterte Versprechen des Davoser Treffens seit 1971. Wer da gewinnt? Zieht die Menschheit überhaupt Gewinn aus der Gigantomanie im Alpenschnee? Fragen über Fragen.

Mit einer Art modernem Satyrspiel endet der zweistündige Abend: Das Quintett spielt den Sieger mit Eishockey–Schlägern im Arena-Oval aus. Doch wer gewinnt, Politik oder Wirtschaft, bleibt offen.

Zweifellos ein interessanter Theaterabend. Neuigkeiten hat er kaum zu bieten, Verstörung stellt sich schon gar nicht ein. Trotzdem großer Applaus, der wohl vor allem den realen Laien-Akteuren galt. Sehr zu recht.