Stasi-Spitzel als Stasi-Roman-Übersetzer?

Eine Doku-Fiction sei Ilija Trojanows Roman Macht und Widerstand, schrieb theater:pur anlässlich der Uraufführung vor wenigen Wochen am Staatsschauspiel Hannover (siehe: hier). Wieso eigentlich Fiction? Die Realität schreibt anscheinend gerade eine gruselige Fortsetzungsgeschichte, wie ein Artikel, den der Autor am 27. Januar 2017 in der FAZ veröffentlicht hat, nahelegt.

Trojanows Roman Macht und Widerstand beruht auf ausführlichen Gesprächen mit ehemaligen Regime-Gegnern und Stasi-Offizieren in Bulgarien sowie aus einem intensiven Studium von Akten aus dem Archiv der bulgarischen Staatssicherheit. Der Autor beschreibt die bis zum Tod währende Feindschaft zwischen einem hierarchisch hoch angesiedelten Stasi-Schergen in Trojanows Geburtsland und einem Dissidenten. Doch er klagt nicht nur die skandalöse Behandlung der Dissidenten durch die Justiz und die Folterungen im Vorwende-Bulgarien an, sondern er beschreibt auch den Fortbestand von Macht und Einfluss der ehemaligen Nomenklatura im heutigen Bulgarien und die Versuche des Staates, die Aufdeckung historischer Wahrheiten zu verhindern und die ehemaligen Widerständler zu isolieren. Im Sommer 2016 ist die Übersetzung des in deutscher Sprache erschienenen Romans in Bulgarien erschienen.

Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Plamen Dojnow hat etwa gleichzeitig den Lyrik-Band Das Fest der Tyrannen veröffentlicht, in dem sich ein Gedicht mit dem ungewöhnlichen Titel Agent ‚Georgi‘ übersetzt ‚Macht und Widerstand‘ befindet. Dojnow nutzte diese Form der Veröffentlichung für den Hinweis darauf, dass der renommierte bulgarische Literatur-Übersetzer, der sich Trojanows Roman annahm, selbst ein – offenbar sehr fleißiger – IM der bulgarischen Staatssicherheit war. Eine offene Enttarnung ehemaliger Agenten ist durch die bulgarischen Gesetze bis heute verboten. Trojanow entdeckte nach diesem Hinweis eine Vielzahl von Ungereimtheiten in der Übersetzung – verharmlosende Begriffe, Auslassungen, konjunktivische Formulierungen bei erwiesenen Sachverhalten. Es ist kaum vorstellbar, dass dem Übersetzer diese Ungereimtheiten ausschließlich aufgrund von Nachlässigkeit, Schlamperei oder Missverständnissen unterlaufen sind. Trojanow wird so im Nachhinein, wie er selbst es ausdrückt, zu einer Figur seines eigenen Romans.

Der ungeheuerliche Vorgang ist ein Grund mehr, Dušan David Parízeks hochgelobte Inszenierung am Staatsschauspiel Hannover, die in der kommenden Spielzeit auch am koproduzierenden Deutschen Theater in Berlin zu sehen sein wird, zu besuchen. - Dietmar Zimmermann