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Bettina Jahnke verlässt das RLT Neuss

Die Landestheater sind Reisebühnen. Sie zeigen ihre Produktionen nicht nur in den meist einigermaßen ordentlich ausgestatteten Stammhäusern, sondern auch in Bürgerhäusern und Schul-Aulen oder auf einfachen Bühnen kleiner Theater in der Provinz. Entsprechend schwer fällt es den Landestheatern häufig, mit der Qualität der Inszenierungen von Stadt- und Staatstheatern mitzuhalten.

Das Rheinische Landestheater Neuss macht seit vielen Jahren immer wieder durch Inszenierungen auf sich aufmerksam, die auch auf großstädtischen Bühnen konkurrenzfähig wären. Insbesondere nachdem Bettina Jahnke mit Beginn der Spielzeit 2009/2010 die Intendanz des Rheinischen Landestheaters übernommen hatte, erhöhte sich die Anzahl an qualitativ herausragenden Inszenierungen, die häufig in Neuss oder in der Provinz viel zu wenig geschätzt wurden. Jahnke zeigte nicht nur landestheatertypisch konventionelle oder unterhaltsame Kost, sondern gab immer wieder auch Regisseuren mit eigenwilligen Regie-Handschriften ein Forum. So konnte Esther Hattenbach mit dem ersten Teil der Nibelungen oder mit ihrer im Mai 2017 zum NRW-Theatertreffen in Detmold eingeladenen Inszenierung von Ibsens Baumeister Solness grandiose Arbeiten an der Neusser Oberstraße zeigen, um die die umliegenden großen Theater unseres Landes das RLT beneiden durften. Katka Schroths Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes  aus der Spielzeit 2012/13 dürfte eine der überzeugendsten Interpretationen gewesen sein, die dieses Stück in der deutschen Theaterlandschaft erlebte – in Neuss wurde solch großstädtisches Regietheater bei zeitgenössischer Dramatik allerdings kaum goutiert. Ein großer Erfolg, der vielfach als Gastspiel verkauft wurde, war dagegen Jahnkes eigene Inszenierung von Joseph Roths Hiob. Jahnke hatte Roths Roman mit ungeheurer Genauigkeit analysiert und die Sprache und die Atmosphäre des Buches in ihrer Bühnenfassung mit großer Empathie umgesetzt.

Bettina Jahnke teilte dem Trägerverein des RLT am gestrigen Freitag mit, dass sie das Haus zum Ende der Spielzeit 2017/18 verlassen möchte, um die Intendanz des Hans-Otto-Theaters in Potsdam zu übernehmen. Sie wird dort eine ähnliche Situation vorfinden wie in Neuss: Sie wird einem ambitionierten Haus vorstehen, das im Hinblick auf die überregionale Resonanz stets im Schatten der großen Berliner Bühnen steht – so wie Neuss sich stets gegen die übermächtige Konkurrenz aus Düsseldorf und Köln zu behaupten hatte. Allerdings ist in Potsdam alles zwei Nummern größer: Jahnkes neues Haus verfügt über einen Etat im zweistelligen Millionenbereich; es produziert jährlich ca. 20 Neuinszenierungen und ist bereits seit langem auch innovativen Regiehandschriften gegenüber aufgeschlossen. Vor allem aber verirrt sich zumindest gelegentlich auch einmal die überregionale Theaterkritik in die brandenburgische Hauptstadt. theater:pur gratuliert Bettina Jahnke und wünscht ihr viel Erfolg in ihrer neuen Herausforderung. Für die Neubesetzung der Position in Neuss wünscht sich theater:pur einen Intendanten oder eine Intendantin mit ähnlich viel Mut und einem ähnlich glücklichen Händchen bei der Auswahl von Mitarbeiter(inne)n und Regisseur(inn)en. - Dietmar Zimmermann