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Milo Rau: Das Kongo-Tribunal - Bitterer Abgesang auf westliche Werte

Köln - Afrika und seine unermesslichen Rohstoffe. Das ist ein Krimi, in dem die „zivilisierte Welt“ alles andere als zivilisiert aufspielt. Augen zu und durch - das scheint eine weitverbreitete Devise unserer, der westlichen Welt zu sein. Wo dabei deren vielbeschworenen Werte bleiben, kann erahnen, wer sich aufmacht, den Blick auf und in die unwegsamen Gebiete des Ost-Kongos zu wagen. Der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau tat es 2015. In einem Gebiet, das der Größe Westeuropas Paroli bieten kann, war und ist seit 20 Jahren ein schmutziger Krieg um Bodenschätze im Gange, der bereits Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Milo Rau, bereits durch seine dokumentarisch untermauerten Aktionen Der Moskauer Prozess und Der Zürcher Prozess längst ein Bekannter unter den Film- und Theatermachern, schaffte das vermeintlich Unmögliche: Im Sommer vor zwei Jahren bekam er Opfer und Täter, Zeugen und Analytiker des kongolesischen Traumas an einen Tisch. Das Unternehmen geriet zu einem symbolischen „Volkstribunal“ mitten im Bürgerkriegsgebiet Süd-Kivu, in der von Massakern geschüttelten Stadt Bukavu im Kongo. Das Ergebnis, vom britischen „Guardian“ bereits als „ambitioniertestes politisches Theater-Projekt, das je inszeniert wurde“, hoch gelobt, erlebte nun als Film im Depot 1 des Kölner Schauspiels seine Deutschland-Premiere. Kölns Publikum hatte zudem Gelegenheit, in einem Symposion das Film-Team und Darsteller, zudem Menschenrechtler und Jury-Mitglieder des „Tribunals“ kennenzulernen und zu befragen.

Raus Film-Dokument ist eine Gratwanderung. Verzahnt sind reale Szenen aus dem Bürgerkrieg, Bilder von Massengräbern und Befragungen von Zeugen der Verbrechen und, erstaunlich genug, kongolesischen Politikern, realen Ministern, die für zahlreiche Massaker verantwortlich sind. Bilder aus der Realität, eingefügt in ein symbolisches Gerichtsverfahren, in dem Leidtragende und Mörder aus der „wahren Wirklichkeit“ berichten. In einer Nüchternheit, die sowohl verblüfft als auch mitreißt. Eine Dramatik, die aus einer vermeintlichen Neutralität heraus lebt - und gleichwohl keine Zweifel daran aufkommen lässt, welche Verbrechen hier begangen wurden - und von wem. Die Minen-Firmen freilich, die Vertreibung und Mord, Verarmung und die Vergiftung von Trinkwasser vor allem zu verantworten haben, hatten diesem symbolisch-fiktiven Tribunal eine Absage erteilt. Was alles sagt, was zu sagen wäre.

Bukavu, Provinzhauptstadt von Süd-Kivu, war 2015 Tagungsort des dreitägigen Tribunals, dem nationale und internationale Experten, zudem Anwälte des Internationalen Gerichtshof in Den Haag die nötige Nüchternheit und Neutralität verliehen. In einem zweiten „Tribunal“, zwei Jahre danach in Berlin, landeten die Weltbank und die Internationalen Minengesellschaften auf der Anklagebank.

Theatralische Tribunale, in denen alles „wahr“ ist - außer der Tatsache, ein „echtes“ Tribunal zu sein. Eben ohne Verurteilungen und Strafen. Es geht um Gold und Koltan, nicht um Bürgerkriege. Angeklagt sind die globalen Märkte. Also vor allem auch die Staaten, denen westliche Werte angeblich so wertvoll sind. Dass die UNO in diesem Spiel ein Papiertiger bleibt, ist vielleicht die traurigste Erkenntnis.

Raus Film ist ein wahrhaft aufklärerisches Kunst-Ereignis, vollgestopft mit erschütternden Realien einer maßlosen, global agierenden  Wirtschaft. Dabei wird der Mensch Opfer eines sich bestialisch gerierenden und räuberischen Kapitalismus.

Seit dem 16. 11. steht der Film in 17 deutschen Städten auf dem Programm; unter anderem in Köln, Hamburg, Hannover, Leipzig, München und Heidelberg. – Günter Hennecke