Heinrich Böll und der deutsche Film

1962. Der deutsche Film befindet sich auf dem Tiefpunkt. Es regiert das sogenannte „Schnulzenkartell“. Am 28. Februar sagen 26 Jungfilmer der Altbranche den Kampf an und erklärten „Papas Kino“ für tot. Zu den Unterzeichnern des „Oberhausener Manifests“ gehört Herbert Vesely, der sich seit langem bemüht, für die Verfilmung von Bölls Erzählung „Das Brot der frühen Jahre“ einen Produzenten zu finden. Jetzt ist seine Stunde gekommen. Seine lang geplante Böll-Verfilmung wird zwar mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet und nach Cannes eingeladen, fällt aber letztlich bei Kritik und Publikum durch. Zu weit hat sich der Filmemacher von der literarischen Vorlage entfernt.

Und doch: Heinrich Böll ist für den deutschen Spielfilm, das große Kino entdeckt. In rascher Folge nehmen sich die  Regisseure des „Neuen deutschen Films“ in den 60er und 70er Jahren der Erzählungen und Romane Bölls an. Die Besetzungen lesen sich wie ein „Who’s Who“ des deutschen Films: Vera Tschechowa, Dieter Borsche, Charles Regnier, René Deltgen, Angela Winkler, Karin Baal, Lina Carstens, Hanna Schygulla, Hans Christian Blech, Mario Adorf, Heinz Bennent und - Romy Schneider. Nicht nur die Literatur, auch der Film feiert jetzt Böll als den großen Chronisten der BRD. Seine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Konventionen der Nachkriegszeit und der Adenauer-Ära ebenso wie die Gewalt in der von Terroristenfurcht aufgeheizten Bundesrepublik der 1970er Jahre ist im Buch wie auf der Leinwand auf Jahre von dauerhafter Präsenz.

Im Rahmen der „Theatergespräche“ aus Anlass des 100. Geburtstags von Heinrich Böll zeigt das Theater Münster in Kooperation mit dem Schlosstheater Münster ab kommenden Sonntag (21. Januar) jeweils um 11.00 Uhr die bedeutendsten Verfilmungen nach den Erzählwerken Heinrich Bölls. Höhepunkt der Reihe ist das Podiumsgespräch mit Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff über seine Zusammenarbeit mit Heinrich Böll am Sonntag, 8. April um 11.00 Uhr im Großen Haus des Theaters Münster.

Zum Auftakt der Reihe referiert der Filmhistoriker Friedemann Beyer, Kurator der UFA-Filmnächte in Berlin, am Sonntag, 21. Januar um 11.00 Uhr im Schloßtheater unter dem Titel „Deutschlandbilder“ über Heinrich Bölls Verfilmungen und Drehbuchentwürfe. Im Anschluss wird der Film „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“ nach Bölls Roman „Billard um halb zehn“ gezeigt. Jeder Film wird an den darauffolgenden Sonntagen von einem kurzen wissenschaftlichen Beitrag eingeführt Ein mehrseitiges Faltblatt, das an der Theaterkasse in Münster erhältlich ist, informiert über die Aufführungstermine. Karten sind an der Theaterkasse (Tel. 5909-100) bzw. Kinokasse (Tel.: 25579) erhältlich.

Bild:

Unter dem Titel "Katharina Blum. Eine Filmikone" spricht Volker Schlöndorff am 8. April über seine Zusammenarbeit mit Heinrich Böll (Szene mit Angela Winkler in der Titelrolle, 1975) © Sammlung Volker Schlöndorff, Deutsches Filmmuseum, Frankfurt/M.