Übrigens …

Mülheimer Dramatikerpreis an Thomas Köck

Zum zweiten Mal in Folge ist es das Nationaltheater Mannheim, das einer jungen Autorin resp. einem jungen Autor zum Mülheimer Dramatikerpreis verholfen hat. Nach einer qualitativ hochwertigen Diskussion unter Moderation des Mülheim-Neulings Vasco Boenisch sprach die Jury den mit € 15.000 dotierten Preis für das beste zwischen Mitte Februar 2017 und Mitte Februar 2018 uraufgeführte deutschsprachige Stück dem 32jährigen Österreicher Thomas Köck für seinen vielschichtigen Text „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“ zu, der in Mülheim in der Uraufführungs-Inszenierung von Marie Bues vom Nationaltheater Mannheim vorgestellt wurde. Vier der fünf Juroren gaben Thomas Köck ihre Stimme; der Theater- und Literaturkritiker Jürgen Berger votierte für Ewald Palmetshofers Hauptmann-Überschreibung „Vor Sonnenaufgang“. Im vergangen Jahr hatte Anne Lepper den Preis für ihr Stück „Mädchen in Not“ erhalten, das ebenfalls in einer Inszenierung aus Mannheim zu sehen war (Regie Dominic Friedel).

Köcks Text ist der dritte Teil seiner sogenannten „Klima-Trilogie“. Den ungeheuer sprachmächtigen, durchrhythmisierten Text bezeichnete die Jurorin Angela Obst vom Münchner Residenztheater als einen „großen Klagegesang über unsere Zivilisation“. Drei Motive werden im Rahmen einer düsteren Reise virtuos miteinander verschränkt. Ein ICE fährt in eine immer dichter werdende ice-scape: Unaufhaltsam fährt der Zug des Kapitalismus in die Katastrophe, und in ihm sitzt eine in Panik geratende Gesellschaft, die diesen Zug nicht mehr stoppen kann. In einem Zug sind auch die chinesischen Wanderarbeiter nach Prato-Macrolotto gekommen, wo sie die Hemden unter ebenso unmenschlichen Bedingungen wie zu Hause schneidern, aber dann mit dem Etikett „Made in Italy“ schmücken können. Bei einer Brandkatastrophe in einer solchen Niedriglohnfabrik starben Ende 2013 in Prato sieben Menschen. Das dritte Motiv in Köcks Text ist der Besuch eines Sohnes am Krankenlager seines Vaters. Gebrannt hat es auch hier: Die Verbrennungen, die sich der Vater bei einem Suizidversuch zugezogen hat, haben ihn bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die drei Motivstränge (von Handlungssträngen mag man kaum sprechen) spielen auf der gesellschaftlichen Makroebene ebenso wie im Mikrokosmos der Familie; Juror Till Briegleb lobte, Köck beschreibe „mit großer Empathie…, wie Empathie verloren geht.“ Die Mannheimer Schauspieler, die teilweise live performte Musik von Anton Berman sowie die herausragende Regie von Marie Bues betonen die Musikalität des Texts und lassen die Aufführung zu einem grandiosen Wortkonzert werden, das einen ungeheuren Sog entwickelt.

Das verlangt allerdings, sich auf den schwierigen Abend einzulassen, was am Abend des Mülheim-Gastspiels offenbar nicht allen Zuschauern gelang. In der Publikums-Wertung landete Köcks Stück irritierenderweise auf dem letzten Platz. Der Publikumspreis ging an Elfriede Jelineks Textfläche „Am Königsweg“, die sich mit dem unsäglichen neuen König Donald Trump, mit der Blindheit und Feigheit der Intellektuellen gegenüber dem wachsenden Einfluss populistischer Demagogen sowie mit ihrer eigenen Resignation auseinandersetzt. Das Stück wurde in der Fassung von Falk Richter vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg gezeigt, die zur spektakulärsten Aufführung bei den Mülheimer Theatertagen geriet. Spektakulär ist hier wörtlich zu nehmen: Selten gab es mehr Spektakel. Auf den Plätzen landeten in der Publikumswertung Thomas Melles „Versetzung“ und Ibrahim Amirs „Homohalal“.     

theater:pur hat über alle sieben Mülheimer Aufführungen in Einzel-Rezensionen berichtet. (Die Rezension zu Köcks Siegerstück „paradies spielen“, das am Abend der Jury-Diskussion gezeigt wurde, erscheint in Kürze.) Darüber hinaus werden wir in wenigen Tagen einen ausführlichen Rückblick auf die Mülheimer „Stücke“-Tage und die Jury-Diskussion werfen.    

Bereits am 18. Mai wurde der diesjährige Preisträger des KinderStücke-Wettbewerbs gekürt. Den mit € 10.000 dotierten Preis erhielt Oliver Schmaering für sein Stück „In dir schläft ein Tier“, das in Hanna Müllers Inszenierung vom Theater an der Parkaue / Junges Staatstheater Berlin vorgestellt wurde. Der Preis der Jugend-Jury, vergeben von acht Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, ging an Thilo Reffert für sein Stück „Mr. Handicap“. Das Stück war in Mülheim in der Inszenierung von Frank Panhans vom Jungen Schauspiel Düsseldorf zu sehen war. theater:pur freut sich mit allen Preisträgern und gratuliert herzlich. – Dietmar Zimmermann

Das Foto zeigt den Preisträger Thomas Köck (Foto: Marie-Luise Eberhardt)