Übrigens …

Die empörende Geschichte eines Bergwerksunglücks und seiner Folgen.

Belgiens schwerstes Bergwerksunglück  

ein Oratorium nach einem Buch von Paolo Di Stefano von Etta Scollo

(Ruhrfestspiele Recklinghausen)

 

Der Gründungsmythos der Ruhrfestspiel Recklinghausen geht so: Im kalten Winter des Jahres 1946 schippten ein paar Bergleute aus Recklinghausen Kohle in zwei LKWs. Hamburger Theaterleute hatten die Lastwagen gechartert, um brennbares Material zur Beheizung der heimischen Theater zu organisieren, und sie waren zufällig auf die Schlote der Schachtanlage König Ludwig 4 / 5 gestoßen. Das schwarze Gold wurde quer durch die britische Besatzungszone nach Norddeutschland geschmuggelt und rettete das Hamburger Publikum beim ersten Nachkriegs-Kunstgenuss vor dem Erfrieren. Zum Dank dafür gastierten die Hamburger Theater im Sommer 1947 in Recklinghausen. Die Ruhrfestspiele waren geboren, und sie firmierten unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“.

Immerhin besser als „Männer gegen Kohle“. Das steckt nämlich im Untertitel von Etta Scollos musiktheatralischer Produktion La Catastrófa: „Ein Warentausch. Männer gegen Kohle“. Zynisch ließe sich sagen: Wo, wenn nicht in Recklinghausen, muss das gespielt werden? Die belgische und die italienische Regierung hatten in den 1950er Jahren tatsächlich ein Abkommen über einen solchen „Warentausch“ geschlossen: Für jeden von Italien gelieferten Bergmann hatte Belgien eine bestimmte Menge an Kohle zu liefern. Das mag menschenverachtend klingen, ist aber in diesen Tagen kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland hochaktuell: Zum Bau der russischen Stadien schloss das Putin-Regime einen Vertrag mit dem nordkoreanischen Despoten-Staat: Tausende koreanische Zwangsarbeiter arbeiteten unter sklavenähnlichen Verhältnissen beim Bau der Stadien. Die Pässe wurden ihnen entzogen, und von ihrem Billiglohn zieht das nordkoreanische Regime mehr als die Hälfte ein. Immerhin weiß man nur von einem einzigen nordkoreanischen Toten unter den Bauarbeitern.

Im belgischen Kohlerevier um Charleroi behielten die italienischen Bergarbeiter der 1950er ihren Pass. Alles, was sie taten, war freiwillig, wie ihnen eine zynische Staatsanwaltschaft später bescheinigte. Die Lebensbedingungen der Italiener und die Sicherheitsbedingungen waren allerdings katastrophal. Am 8. August 1956 geschah, was Paolo Di Stefano in seinem erschütternden dokumentarischen Roman beschreibt: „La Catastrófa“. Im Bois du Cazier in Marcinelle ging eine komplette Grube hoch. Menschliches Versagen, vor allem aber die katastrophalen Sicherheitsbedingungen, die laut einem zeitgenössischen Bericht des SPIEGEL selbst im Kriegsverlierer-Land Deutschland einem höheren Standard entsprachen, kosteten 262 von 275 eingefahrenen italienischen Kumpeln das Leben. Bei einem Unfall herausgerissene Elektrokabel, eine zerstörte Pressluftleitung sowie schließlich eine Ölleitung kamen in Kontakt mit einem beschädigten 3000-V-Kabel. Die Grube ging in Nullkommanichts in Flammen auf. Originalbilder lassen im Festspielhaus Recklinghausen das Ausmaß des Unglücks erahnen.

Die italienische Komponistin, Sängerin und Musikerin Etta Scollo hat auf der Basis des mit vielen Original-Dokumenten angereicherten Tatsachenromans von Di Stefano ein Oratorium komponiert. Begleitet von einem fünfköpfigen Vokalensemble und zwei Instrumentalistinnen singt sie großenteils neu getextete bzw. stark an die Texte aus Di Stefanos Buch angelehnte Lieder in italienischer Sprache. Es sind keine oratorienähnlichen Choräle und Gesänge, die Scollo komponiert hat, sondern mal traurige, mal anklagende Songs mit Anklängen an sizilianische Volksmusik und Folklore, an Jazz und Chanson. Die Regisseurin und Produzentin ist auch eine grandiose, sowohl kraftvolle als auch empfindsame Sängerin, die mal solo, mal mit Begleitung des hervorragenden Chors der puristisch einfachen, aber doch zu Herzen gehenden Aufführung eine intensive Atmosphäre verleiht.

Die Texte atmen den spröden Charme der Bürokratie, in der die Angehörigen der Opfer zermahlen werden. Di Stefanos in die deutsche Sprache übersetzte Texte, die auf Originaldokumente zurückgreifen und vordergründig bar jeder Poesie zu sein scheinen, überraschen in der Interpretation von Joachim Król durch eine dunkle, rhythmische Sprachmelodie und würden vermutlich auch ohne die Musik Mitgefühl, manchmal gar so etwas wie Melancholie wecken. Król sitzt während der gesamten gut einstündigen Dauer der Aufführung stur vor einem Notenständer auf dem Hocker, scheint den Takt mitzuzählen und … ja, soll man sagen: liest? Spricht? - Es ist eher ein bedeutungsschwangeres Vortragen; im Englischen würde man es als etwas pompous bezeichnen. Ein gewisses Pathos soll wohl dem Gleichgewicht zwischen Text und Musik dienen. Das hat zweifellos eine ähnliche Intensität wie die faszinierende Musik, wirkt aber auf die Dauer eher störend: Ein natürlich auf der Bühne sich bewegender, differenzierter und modulierter vortragender Schauspieler wäre der Wirkung der Aufführung aus Sicht des Rezensenten zuträglicher gewesen. Aber es wäre dann ein anderes Format geworden, und Scollo wollte erkennbar das Puristische, Konzertähnliche, das keine Ablenkung zulässt.

Wirkungsvoll und auch künstlerisch herausragend sind die immer wieder im Hintergrund eingeblendeten Originalfotografien. Das Portrait eines 16jährigen Opfers, eines kohleverschmierten jungen Mannes mit langen Wimpern und einem zutiefst ernsthaften, scheinbar ein Geheimnis in sich tragenden Gesichtsausdruck brennt sich in das Gedächtnis des Zuschauers ein und hätte auch bei jedem Fotowettbewerb Preise abräumen können. Die erschreckenden Schwarz-Weiß-Bilder der Katastrophe gehen unter die Haut.

Natürlich stellt man sich Fragen bezüglich der Verantwortung für das Unglück. Der anklägerische und oft auch selbstgerechte Investigativ-Journalismus der Presse war damals sicher noch nicht so weit fortgeschritten wie heute, doch haben auch damalige Presseorgane schon bohrende Fragen gestellt. Paolo Di Stefano tut dies in seinem 2011 erschienenen Roman umso mehr. So steckt in dem kurzen Abend auch eine Menge politisches Theater, das in seltenen Momenten dem Moralisieren gefährlich nahekommt. „Unseren Chefs waren wir völlig egal, das Wichtigste war die Kohle“, klagt einer der wenigen Überlebenden in der Aufführung - und das Wort Kohle darf man im Deutschen ruhig in seiner doppelten Bedeutung verstehen. Der Warenaustausch bestand nicht zuletzt im Menschenhandel. Mit Waren hat man kein Mitgefühl: Der belgische Staat und die Bergwerksdirektion stahlen sich aus der Verantwortung, Vertreter der italienischen Regierung tauchten ab und erschienen nicht einmal zur Trauerfeier. Frappierende Parallelen zum Verhalten der Funktionäre nach dem Duisburger Love Parade-Unglück gehen einem durch den Kopf; die Hinterbliebenen des Unglücks von 1956 erhielten allerdings nicht einmal Entschädigungen - „mit Ausnahme der bei dem Brand zerstörten Arbeitskleidung“ (!).    

Die Sicherheitsbedingungen in belgischen Bergwerken wurden anschließend verbessert. Doch das Denken hat sich offenbar nicht verändert. Am Tag des Recklinghäuser Gastspiels ging in Belgien der Atomreaktor Doel 4 und damit auch der letzte der vier Reaktoren des Kraftwerks wegen technischer Probleme „vorübergehend“ vom Netz. Von einer endgültigen Abschaltung ist nicht die Rede. Die deutsche Bundesregierung und die nordrhein-westfälische Landesregierung drängen seit Jahren auf die Abschaltung des grenznahen belgischen Atomkraftwerks Tihange, das ständig wegen Sicherheitsmängeln für ein paar Tage oder Wochen ausfällt. Vergeblich. Et hätt noch immer jot jejange. Am 8. August 1956 ging es schief. - Dietmar Zimmermann

 

Gastspiel einer Produktion von Etta Scollo

„La Catastrófa“

ein Oratorium nach einem Buch von Paolo Di Stefano

Musik: Etta Scollo

Libretto: Paolo Di Stefano, Leonardo De Colle und Etta Scollo

Premiere am 5. Februar 2017 im Theater Radialsystem Berlin

besuchte Aufführung: 10. Juni 2018 in Recklinghausen