Der Prince of Wales in der Nachfolge von „Macbeth‘“ und „King Lear" - Das 28. Shakespeare-Festival in Neuss

Neuss am Rhein, das ist seit nun 28 Jahren ein Fixstern am internationalen Shakespeare-Himmel. Denn hier, in einem dem Londoner Ur-„Globe“ von 1600 (verkleinert) nachgebauten Zwölf–Eck, in dem sich über drei Ränge hinziehenden und auch in diesem Jahr allabendlich von jeweils 500 Shakespeare-Fans gestürmten Bau, ist der große Elisabethaner fast zeitnah zu erleben.

Ob alle Frauenrollen, wie einst an der Themse, von Männern übernommen werden; ob seine Sonette, in Jazz und Blues verwandelt, von einem ganz anderen Shakespeare, dem der Poesie und Verzweiflung, der Erotik und der Liebe Zeugnis ablegen; ob ein junges Quartett, voller Witz und Verve, auf dem Fahrrad die Dramen des Elisabethaners im wahrsten Wortsinn „erfährt“; ob die originale „Globe-on- Tour“-Truppe aus London es dem Publikum überlässt, welches von drei Stücken im Angebot es erleben will; ob die „Zähmung der Widerspenstigen“ auch auf Polnisch Erfolg hat: Die Vielfalt macht Neuss zum Star.

Beim am Wochenende nach viereinhalb Wochen zu Ende gegangenen Festival im von Römern gegründeten „Novesia“ gab’s Sir William auf Polnisch und Spanisch, Englisch, Amerikanisch und Deutsch. Und am Ende grüßte, wenn auch „nur“ filmisch statt theatralisch, Asta Nielsen als Hamlet in einer Zelluloid-Produktion von 1921, die als erster „Kassenschlager“ in den Kinos nach dem 1. Weltkrieg in die Geschichte einging.

Sehr britisch, selbstironisch und voller Witz, gleichwohl zum Nachdenken reizend, hatte es begonnen. Mit einem Stück, das als „Königsdrama“ bestens in dieses Festival passte. Doch Charles III., erstmals in Deutschland aufgeführt, ist keineswegs von Shakespeare. Über 400 Jahre nach ihm mixte Mike Bartlett Realität und Fiktion zu einem bewundernswert packenden Stück. Dieser Charles ist nämlich der 70–jährige Noch-Prinz, der, in die Zukunft gedacht, nach dem Tode Elisabeths II. auf den britischen Thron steigt. Und dort dafür kämpft, dass Vernunft und Gewissen siegen. Gegen eine Demokratie, die sich selbst zu verraten beginnt: Das Parlament, Regierung wie Opposition, will die Pressefreiheit stark beschneiden. Dass Charles damit scheitert, ist die bittere Botschaft. Dass sein Sohn William - mit Kate im Bunde - dabei eine entscheidende Rolle spielt und selbst König wird, voller Sarkasmus. Also Shakespeare Adieu? Keineswegs, denn in Bartletts Future History Play grüßen von weitem der Königsmörder Macbeth und der von den eigenen Kindern abservierte King Lear.

Zu weiteren Höhepunkten zählte die Version von Romeo y Julieta des Theaters Projecte Ingen“ aus Barcelona, zudem zwei völlig unterschiedliche Was ihr wollt-Inszenierungen. Eine vom „Flute Theatre“, eine zweite vom „Handlebards“-Quartett, beide aus London. Und in welcher Fülle Dramatisches, Komisches und Poetisches bei Shakespeare zu finden ist und, einmal aufgedeckt und ausgespielt, mitreißen kann, zeigten die beiden „Q Brothers“ aus Chicago mit „Q Gents“, einer Hip-Hop-Version der „Herren von Verona“. Wild geht es zu ihrem Verona, in dem sich zwei Schauspieler nicht nur komödiantisch in über 20 Rollen stürzen, sondern auch Liebe, Freundschaft und Loyalität zum Klingen bringen. - Günther Hennecke