Übrigens …

Weltkunst im Hinterzimmer

Im Weltkunstzimmer ist heute tatsächlich Weltkunst angesagt. Bojan Velutic, einer der Festivalleiter, tritt vor Konzertbeginn nicht als Manager vors Publikum, nein, diesmal spricht er als Musiker, als Komponist oder genauer: als Re-Komponist zu uns. Seine Musik, die wir gleich von Weltklasse-Musikern zu hören bekommen werden, bedarf einer persönlichen Einführung. Zum achten Mal schon ließ sich Vuletic von Werken aus anderen Kunstbereichen zu eigenen musikalischen Werken inspirieren. Mal waren es Gedichte von Celan, mal Unscharfe Bilder von Gerhard Richter, mal Kafkas Verwandlungstexte, mal ein Haneke-Film.

Heute sind es Bilder des Abstrakten Expressionisten Cy Twombly mit ihren Schlieren, Farbflecken, Kritzeleien und kryptischen Wortfetzen auf riesigen Leinwänden, die - gleichsam als Allegorien der Flüchtigkeit - Vuletic „tief berührten“ und durch ihre Bildpoesie zu seiner Musik inspirierten. Wir bekommen die Bilder nicht zu sehen, erfahren allerdings einige Titel, einige Tendenzen: dazu gehören die 1963 nach Kennedys Tod entstandene Serie Nine Discoursis on Commodu;, aus der Reihe der Schwarzen Bilder das Werk Synopsis of a battle; aus dem farbstarken Spätwerk das mit kraftvollen Pinselstrichen auf gelben Grund gemalte MASNOMENOS und überraschenderweise das Foto Poentes - welke, vergehende weiße Pfingstrosen auf tiefdunklem Grund.

Dann treten sie auf, die Weltstars des Jazz aus New York, die nur dank der freundschaftlichen Beziehungen zum Komponisten den Weg in die Hinterhöfe von Flingern finden. Sie werden uns verzaubern mit ihrer grandiosen Virtuosität, ganz gleich, ob wir die bildlichen Inspirationsquellen kennen oder nicht.

Da ist der Trompeter Nate Wooley, der seinem Instrument nie gehörte Grummel-Kratz-Hauchgeräusche entlockt, die so nahtlos übergehen in Stimmfetzen, dass der Musiker eins zu sein scheint mit seinem Instrument. Nicht weniger verstört, verfremdet, irritiert und changiert der große New Yorker Saxofonist Jon Irabagon mit seinen expressiven Improvisationen. Und dann ist da noch der Hexer am Vibraphon Mat Morans. Klein, drahtig, mit dem ganzen Körper wirbelnd und tänzelnd - wie seine vier Klöppel über die Klaviatur - um sein Instrument schwirrend: das Ganze eine einzige Choreographie aus Rhythmus, Tönen, Bewegung.

Daneben das gleichermaßen faszinierende New Yorker Streichquartett MIVOS, das von The Chicago Reader als eines der „kühnsten und wildesten Ensembles für neue Musik in Amerika“ tituliert wurde. Dem schließ ich mich ganz einfach an.

Obwohl die Musik ganz eigenständig, keinesfalls nachzeichnend, lautmalerisch sein will, erkenne ich einige Bildmotive wieder: da füllt sich das stille Weiß der Commodus-Serie zunächst mit musikalischem Rauschen, dann tropft, tupft, vibriert es in polyphonem Wechsel, um nach der improvisierten Dramatisierung klagend zu verzittern.

Hinreißend das Trompetensolo zu MASNOMENOS: ein einziges Fest der Farben, Töne, Knalleffekte, das schließlich in lautem Aufschrei des Bläsers endet und sanft vom Saxophon aufgefangen wird.

Anrührend das folgende Cellosolo zum Aufblühen und Vergehen der Pfingstrosen: Kaum hörbar setzt das Instrument mit dumpf-schmerzlichem Zupfen ein, kämpft sich knarrend, raschelnd durch zum aufsprengenden Erblühen, um schließlich in rauen, fast tonlosen Bogenstrichen dahinzuwelken.

Unglaublich sowohl das Zusammenspiel der Musiker als auch die beeindruckenden Wechsel zwischen vorgegebener Komposition und freier Improvisation.

Eine gute Stunde hinreißender „Grenzüberschreitungen“! - Christa Fluck

Foto: Susanne Diesner