Die Erfindung der Operette in Köln

Kölsche Tradition: das "Divertissementchen"! Anfang Februar war es wieder so weit.

Jürgen Nimptsch (65) hat gleich mehrere Karrieren hinter sich: die berufliche bis hin zum Schuldirektor, die politische bis hin zum Bonner Oberbürgermeister, ehrenamtliche in vielen Gruppierungen und dann die künstlerische beim berühmten Kölner Männergesangverein, hier zuletzt als Baas (Intendant) bei der „Cäcilia Wolkenburg“. Das ist die Bühnengemeinschaft des berühmten Chores, die seit 135 Jahren ihr so genanntes „Divertissementchen“, ein komisch-parodistisches Theater- oder Singspiel auf Kölsch in der Kölner Oper aufführt mit der strengen Bedingung: Keine echten Weiber auf der Bühne!

So auch 2019, dem 200. Geburtsjahr des Kölner Sohnes Jacques Offenbach. Selbiges wird ein ganzes Jahr in der Stadt groß gefeiert mit vielen Events, sogar eine Offenbachgesellschafft hat sich extra gegründet. Nach dem Startschuss in der Philharmonie mit der „Offenbachiade“ nun das „Zillchen“, eingekölscht von „Cäcilia“, eine sehr große und sehr bunte Revue über Leben und Werk des Geburtstagskindes. Und da kommt unser Jürgen groß ins Spiel, denn er spielt und singt den Offenbach über die drei Stunden so lebendig und überzeugend, dass man den echten Jacques vor sich meint. „Amtssprache“ ist eine köstliche Mischung aus Französisch und Kölsch, die aber auch für „Imis“ (Eingewanderte) verständlich ist, zumindest bei der exzessiven Körpersprache der über 100 Mitwirkenden auf der Bühne. Das Divertissementchen ist eine enorme Herausforderung und logistische Meisterleistung, welche der Verein fast ausschließlich mit eigenen Leuten stemmt. Da wird über Monate geprobt, nachdem ein neues und passendes Stück ausgesucht wurde - nicht so einfach nach 145 Jahren. Eine immense Menge an Kostümen müssen mit Fantasie gezeichnet und genäht, die Bühne muss entworfen und gebaut, die Musik arrangiert und eingeübt werden, natürlich auch der Chor, ebenso das traditionelle Ballett und sehr vieles mehr. Da muss man schon den Hut ziehen, bevor man überhaupt ein Eckchen von dem Stück gesehen hat.

Der Kölner Lajos Wenzel, Schauspieler und Regisseur, der lange an der Kammeroper tätig war, hat die Werke von Offenbach und die Stationen seines Lebens in Köln und Paris bunt vermischt, nicht immer hart an der historischen Wahrheit, aber sehr bühnen- und stimmungswirksam. Da geht es immer zwischen den beiden Städten flugs hin und her, denn Offenbach hat in Paris ein Theater, dessen ironische Stücke bei der Konkurrenz Neid erwecken und den Oberen nicht gefallen; er darf nur drei Sänger gleichzeitig auf der Bühne auftreten lassen, so der gestrenge Polizeipräsident, musikalisch unterlegt vom Kriminaltango. Völlig unmöglich. Es sei denn, das geplante Stück bringt den Ordnungshüter zum Lachen.

Natürlich wird reichlich Lokales serviert, über etliche Gläser Kölsch und angefangen von der ewigen Baustelle am Offenbachplatz, wo ein Trupp Arbeiter fröhlich nichts tut und eher dem Schnaps huldigt. „Ein Provisorium hält immer am längsten“, so die Weisheit der Bauleute. Das sitzt. Bis hin zum ständig zitierten „Kölschen Grundgesetz“, das immer passt und sogar die Gäste auf dem Flughafen Köln begrüßt. Als Handlung für das neue Stück ist die Geschichte von Orpheus in der Unterwelt angesagt, aber da Jacques in Paris lebt, will ihm so recht nichts dazu einfallen, zumal er keine Kohle und Ärger mit seinen Mitarbeitern hat. Und wo findet man einen guten Stoff? Natürlich in seiner Heimatstadt Köln. In einem Brauhaus: da entsteht die erste Operette der Welt. Dazu Musik von den „Bergischen Sinfonikern“ aus Remscheid zusammen mit den „Westwood Slickers“, einer Bonner Dixie-Band, alles musikalisch perfekt zusammengehalten von Bernhard Steiner, immer wieder stimmungsmachende Ohrwürmer: Willi Ostermann, die Piaf, Queen, auch Tschaikowski und die Black Föös lassen grüßen. Und immer wieder aus Hoffmanns Erzählungen. Alles perfekt arrangiert von Thomas Guthoff.

Die Geschichte wird von vielen amüsanten Details umrahmt: Offenbachs Mama macht mit ihrer Damenriege „Arthöschen“ wegen ihrer „Krampodere“ eine Kneippkur aus dem Eimer und hebt beim Wassertreten die Röcke „He deit et wieh“: eine historisch zwar nicht verbürgte, aber überzeugende Geburt des Cancan in Zeitlupe. Auch die „Tour de France“ dreht ein paar Runden über die Bühne. Natürlich lässt sich auch das traditionelle Männerballett nicht lumpen, darunter der Präsident Gerd-Kurt Schwieren, seines Zeichens Optiker in Köln: nicht mehr ganz jung, und seit 50 Jahren dabei, mit einer entzückenden und zugleich zwerchfellerschütternden Tanzshow.

Natürlich geht alles gut aus. Denn Ehefrau Hermine hat bei ihrer Kur in Bad Ems die Frau des Kaisers kennengelernt und ihr in Kölscher Klüngelmanier von dem Problem erzählt. Die Folge: der Kaiser wollte das Stück unbedingt selbst sehen, und zwar im Pariser Theater. Alle jubeln, die Zeitungen überschlagen sich, und Kölner feiern ihren Sohn Jacques Offenbach. Das Divertissementchen hat erneut einen rundum perfekten Abend auf die Bretter des Staatenhauses hingelegt, mit erstaunlich guten Stimmen der Laiensänger, mit sehr schwungvoller Musik, und viel lokaler, ans Herz gehender Kölscher Folklore, die beim einen oder anderen sicher ein paar Tränchen hervorgerufen haben dürfte. Die Vorstellungen bis zum 5. März sind fast ausverkauft, aber vielleicht findet sich noch eine sehr lohnende Eintrittskarte. - Michael Cramer

Foto: Heinz Unger