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Aus Erniedrigung erwächst Stolz

Köln - Es ist ein Festival, das seit seiner Gründung die Grenzen der Verständigung zwischen den Kulturen einreißen will. Das 5. „africologne-festival“, künstlerisch verantwortet vom Kölner Theatermann Gerhardt Haag, ist auf dem besten Weg. Über 3500 Theater- und Film-Interessierte, musikalisch dem Fremden Aufgeschlossene und Kunst-Fans kamen auf ihre Kosten.

Einer der Überväter des philosophisch-intellektuellen Afrikas, Achille Mbembe, Autor der richtungsweisenden „Kritik der schwarzen Vernunft“, begleitete die zwei Wochen. Der Träger des „Ernst-Bloch-“ sowie des „Gerda-Henkel-Preises“ hatte die „Albertus-Magnus-Professur“ in Köln inne und faszinierte sein Publikum mit zwei Vorlesungen zum Thema „Deglobilisation“.

Der wohl eindrucksvollste Abend suchte Traces (theater:pur-Besprechung hier). Die „Spuren“-Suche ist ein gut einstündiger Monolog bitterer Rückschau wie auch der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Beeindruckend ist er vor allem dank des eindringlichen Spiels des westafrikanischen Schauspielers Etienne Minoungou aus Burkina Faso, der den Text von innen her zum Leuchten bringt. Einen Text Felwine Sarrs, der, eigens für seinen Freund Minoungou geschrieben, ein „Discours aux Nations Afrikacains“ ist.

Parole Due (theater:pur-Besprechung hier), eine europäische Erstaufführung voller Poesie, Musik und schwarzafrikanischen Temperaments, flechtet Aime Cesaire (1913-2008), dem „Erfinder“ der „Negritude“, einen bunten Kranz künstlerischer Details. Die Texte des afrokaribisch-französischen Schriftstellers und Politikers, an dessen Seite der Literat und spätere Präsident des Senegals (1960-1980), Leopold Sédar Senghor, war, setzte Odile Sankara, die Schwester des 1987 ermordeten Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara, in mitreißende Bilder um.

Fremd und anziehend zugleich, angesiedelt im Halbdunkel und abseits gewohnter Sehgewohnheiten bewegt sich Spirit Child des Choreografen und Tänzers Qubus Onikeku (theater:pur-Besprechung hier). Drei Solo-Musiker begleiten ihn in eine Welt der Geister und kultisch anmutender Texte. Imaginäre Kämpfe und Stürze lassen ahnen: Der Himmel ist hier weit entfernt, die Erde die Wirklichkeit.

Gestartet war das Festival mit dem Glanzlicht Die Revolution frisst ihre Kinder, ein in Ouagadougou in Erinnerung an die dortige Revolution 2014 vier Jahre später, 2018, in Burkina Faso gedrehter Film. „Begleitet“ wird er von einer realen Theatertruppe aus Europa, die auf der Suche nach den Wurzeln von einst ist - und kapituliert vor der realen Historie. Ein Theaterabend, an dem Dokumentation und Fiktion eine überzeugende Einheit eingehen.

Ein großes öffentliches Fest brachte nach zwei Wochen noch einmal die mehr als 50 afrikanischen Künstler und das auf sie und ihre Welt neugierige Publikum zusammen. Insgesamt war das Festival in Köln ein Erfolg produktiver Neugier. - Günther Hennecke