Übrigens …

Eine Revue der Zuversicht: 7 x beste Unterhaltung von Rap bis Sophokles.

Mit dem Slogan THEATER! OPEN AIR!, großgeschrieben, mit drei Ausrufezeichen, laden sechs Düsseldorfer Bühnen zu einem „sommerlichen Lebenszeichen“ unter freiem Himmel in den Ehrenhof ein. Vor dem Nordtor, unter der pompös hingestreckten „Aurora“ von Breker steht eine schmucklose Bühne, davor bieten streng nach Corona-Hygiene-Regeln angeordnet weiße Gartenstühle und auf den Rasen ausgebreitete Picknickdecken Platz für 200 Zuschauer. Die expressionistischen Ziegelfassaden des monumentalen Kunstpalastes geben dem Ganzen den atmosphärischen Anschein einer wirklichen Arena, in der bei sommerlichen Temperaturen gutgelaunte Erwartung herrscht.

Dann erscheinen - wie im besten Kabarett - als intelligent feiksende Moderatoren zwei Theaterchefs: René Heinersdorff (Theater an der Kö) und Stefan Fischer-Fels (Junges Schauspiel), die uns versichern, dass es ein geiles Gänsehautgefühl sei, vor dem ausverkauften Auditorium zu stehen und dass alles, was geboten würde, „Kunst“ sei, ganz gleich, ob Oper, Boulevardtheater oder Junges Schauspiel. Alle Präsentationen sollen nur eins: uns „Lust auf Theater“ machen.

Los geht’s mit „The Mask“, dem explosiven, kraftvollen Solo des Streetdance-Performers Paul Davis Newgate, dargeboten vom Tanzhaus NRW. Wenn auch der Masken-Tanz bereits vor Corona einstudiert war, so erscheint die Figur mit Gaze-Vollmaske vor drei Spiegeln jetzt doch wie eine gespenstische Kommentierung der Maskenpflicht.

Es folgt das Junge Schauspiel mit einer eindrucksvollen Szene aus der ungewöhnlichen „Antigone“-Inszenierung aus dem Jahr 2019. Mit „Power, Rap und Wumms“ bringt die Spoken-Word-Artist Aylin Celik gemeinsam mit dem Rapper Ugur Kepenek und den Ensemblemitgliedern Selin Dörtkardes, Noemi Krausz und Jonathan Gyles die uralte Frage nach der Erschaffung und Verlorenheit des Menschen, wie sie Sophokles vor fast zweieinhalb Jahrtausenden stellte, zugleich fetzig wie eindringlich mit Tanz und Sprechgesang auf die Bühne.

Nach dieser Menschheitsfrage bleibt es Heinersdorff nur, an die Akrobatik anzuknüpfen und so stellt er die „boulevardeske Taskforst“ seiner Bühne, des Theater an der Kö, als „Akrobaten auf dem schmalen Grad der Banalitäten“ vor. Tatsächlich schafft er es, mit Jochen Busse als trotteligem Ehemann, Hugo Egon Balder als Lover und Marianne Rogée als ältlicher Diva mit Brachialhumor eine fiktive Probe als Corona-Version eines Boulevard-Klischees zu inszenieren: klamaukig, zotig, hygienepolitisch korrekt!

Nach dem herzhaften Lachen darf man sich verzaubern lassen von der Musik Gioachino Rossinis. Valerie Eickhoff und Jorge Espino aus dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein präsentieren charmant und stimmgewaltig eine Arie und ein Duett aus „Il Barbiere di Siviglia“.

Irrwitzig, spritzig kommen dann die „Quickies. Schnelle Nummern zur Lage der Nation“, ein kabarettistisches Programm eigens für diesen Auftritt verfasst vom Kom(m)ödchen. Maike Kühl, Heiko Seidel, Martin Maier-Bode und Daniel Graf persiflieren gescheit und ironisch die inzwischen ausgelaugten und zu Tode geredeten Themen, Thesen und Zahlen um Corona in einer grotesken Talkshow-Imitation.

Nach so viel Geist und Witz fasziniert das FFT mit der eher abstrakten Toninstallation „Schnipsel zur jüngsten Zeit“ des Performance-Kollektivs subbotnik.

Den grandiosen Abschluss bildete das Düsseldorfer Schauspielhaus mit dem berührenden Best-of-Medley von und mit André Kaczmarczyk und Johan Leenders, mit dabei Lou Strenger, Hanna Werth und Sebastian Tessenow.

Am Ende gab’s begeisterten Applaus für einen variantenreichen Kulturgenuss. - Christa Fluck

Foto: Melanie Zanin