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raum13 Festival – JUNG? – NA UND!

JUNG! NA UND! ist die 2012 von raum13 ins Leben gerufene Plattform für junge und talentierte NachwuchskünstlerInnen, die mit der Unterstützung von raum13 ihre ersten eigenen künstlerischen Projekte entwickeln und umsetzen können.

raum13 bot in der Zeit vom 25. bis zum 27. Oktober NachwuchskünstlerInnen oder -kompanien aus den Bereichen Theater, Tanz und Performance die Möglichkeit, ihre eigenen künstlerischen Ideen und Arbeiten im Rahmen des Nachwuchsfestivals JUNG! NA UND! zum Thema Europa zu präsentieren. Die zwanzig- bis dreißigminütigen Tascheninszenierungen beschäftigten sich sowohl mit der Geschichte der Europäischen Union als auch mit aktuellen gesellschaftspolitischen und künstlerischen Tendenzen in Europa. Michael Cramer sprach nach Abschluss des Festivals mit Anja Kolacek und Marc Leßle, den künstlerischen Leitern von raum13.

 

Michael Cramer: Ihr lange vorbereitetes Festival ist vorbei, so langsam legt sich sicherlich die Anspannung und es kommt wieder Ordnung in die Bude - wie war es denn ?

Anja Kolacek: Wir hatten ein tolles Wochenende: viele hochspannende kleine Stücke und mehr Zuschauer als wir eigentlich verkraften können; so mussten wir am Samstag schieben und zwei Stücke doppelt spielen. Alle waren sehr zufrieden, die Stimmung hervorragend – es hätte nicht besser laufen können. Auch wir waren sehr glücklich mit den Gruppen, die wir eingeladen hatten, die mit völlig unterschiedlichen Arbeitsansätzen in den Stücken und Performances arbeiteten. Vorgegeben waren die Inhalte „Europa“ und „Zerbombt“, die gut zu unserer aktuellen Trilogie passen. Und dann natürlich zum Stoff der Sarah Kayne mit innerem und äußerem Krieg; diese Dinge sollten transportiert werden, um sich damit auseinander zu setzen.

Michael Cramer: Wie kamen Sie denn an die Künstler und die Stücke?

Marc Leßle: Wir haben eine Ausschreibung durchgeführt bei „Theaterjobs“, haben Schauspielschulen und Universitäten angeschrieben, haben über Facebook nachgefragt. Wichtig war, dass hier vor Ort geprobt wurde und unsere Räume genutzt werden konnten. Es haben sich ca. 80 Gruppen bzw. Einzelkünstler gemeldet; alle haben ein Konzept und ihre Vita eingereicht. So konnten wir schauen, was für uns interessant ist und was eine schöne Mischung ergibt. Zwei Wochen vor Probenbeginn gab es ein Brainstorming-Wochenende, dabei hat sich herauskristallisiert, wer hierher passt. Einer Gruppe war das nicht fein genug bei uns, eine andere ist erst gar nicht erschienen. Wir haben jeder Gruppe einen Produktionskostenzuschuss von 1000 € zur freien Verfügung sowie einen Fahrtkostenzuschuss gezahlt. Die Gruppen konnten bei uns nach Herzenslust proben, Platz haben wir hier ja mehr als reichlich hier.

Michael Cramer: Welchen Effekt hatte das Festival denn für das Theater selbst?

Anja Kolacek: Natürlich primär viele Uraufführungen präsentiert zu haben, das macht ein sehr gutes Gefühl. Dann: Wir haben einige Sternchen entdeckt bzw. wieder gefunden, mit denen wir weiter arbeiten möchten wie die Kölnerinnen Rebecka-Madita Hundt, die gerade einen Darstellerpreis gewonnen hat, und Aischa-Lina Löbbert, frisch ausgezeichnet mit dem Kölner Nachwuchspreis. Alle wollen hier wieder spielen und am liebsten ihre Installationen gar nicht erst abbauen. Für die Künstler selbst ist das Festival ein Ansatz für einen Netzwerk untereinander, damit es weitergeht, damit es keine einmalige Aktion war. Wir „fliegen“ mit dem Theater ohnehin erfreulicherweise selbstständig, sind auch in potentiellen Zuschauerkreisen zunehmend bekannt. Das Festival ist natürlich eine sehr gute Promotion für das Theater, es soll im kommenden Jahr wiederholt werden. Für die Büroräume und Werkhallen, die uns zur Verfügung stehen, haben wir einen unbegrenzten Mietvertrag; wie lange wir bleiben können, hängt davon ab, was die Stadtentwicklung mit der Industriebrache anfangen will.

Michael Cramer: In solchen Räumen muss natürlich ein Theater gespielt werden, welches deren Geschichte aufgreift.

Marc Leßle: Machen wir ja auch. Der Zeitraum unserer Theaterstücke beginnt 1864 mit der Erfindung des Ottomotors in diesen Hallen. Wir bearbeiten die Zeit bis heute, zeigen den gesellschaftlichen Wandel auf, der immer wieder einen Blick zurück, aber auch in die Zukunft wirft. Jetzt sind wir wieder in einem neuen gesellschaftlichen Umbruch, der Digitalisierung der Welt. Hauptthema 2013 war der Krieg mit unserem Stück Kriegsblicke, mit dem Konzert von FM Einheit, mit der bevorstehenden Ausstellung von Gesine Grundmann. Unsere Idee ist, dass junge Leute, die den Krieg nie persönlich erlebt haben, das Thema besser greifen können. Das gibt’s zwar auch im Fernsehen, ist aber weit weg. Mit dem 88-jährigen Adolf Helmig haben wir glücklicherweise einen Zeitzeugen gefunden, mit dessen Erinnerungen unser Schauspieler Florian Lenz zunächst überhaupt nichts anfangen konnte, weil dies für ihn außerhalb seiner Welt war.

Anja Kolacek: Europa haben wir genommen, weil hier die Gesellschaft ist, in der wir leben, wo sich genau dieser Strukturwandel derzeit ereignet. Wo die Produktion zurückgeht zu Gunsten der Dienstleistungsgesellschaft. Und wo man darüber nachdenkt, in welcher Gesellschaft wir zurzeit leben mit Kapitalismus, mit Finanzwirtschaft, was sich seit den 70ern extrem gewandelt hat und was uns heute auf die Füße fällt. Bringt es uns etwas, sich derartig in Europa wirtschaftlich zu engagieren, bringt es uns Frieden oder nur den Friedensnobelpreis? Manch einer sagt zu Recht, wenn man über Europa nachdenkt, hat man die Probleme am Hacken.

Michael Cramer: Sprechen Sie denn damit schwerpunktmäßig die jüngere Generation an? Machen Sie politische Bildung?

Marc Leßle: Auf keinen Fall nicht nur, denn gerade der Dialog zwischen den Generationen ist sehr interessant. Mit unseren Stücken soll ja, wenn der Vorhang fällt, nicht Schluss sein, sondern sich ein kommunikativer Raum entwickeln mit generationsübergreifenden Diskussionen. Politische Bildung machen wir nicht, auch kein pädagogisches Theater, wohl aber politisches Theater; wenngleich das Theater schon generell schon eine Bildungsstätte ist. Es freut uns sehr, dass so viele junge Leute in unser Theater kommen, und das sicher nicht nur wegen des ausgefallenen Ambientes von raum13.

Michael Cramer: Wie sind denn die Stücke beim Publikum angekommen? Aus den kurzen Beschreibungen geht schon hervor, dass hier keine leichte Kost serviert wurde. Vielleicht können Sie diese kurz skizzieren.

Anja Kolacek: “a place of fantasy and make-believe” ist eine bitterböse billige Fernsehshow und echte Zuckerwatte als Symbol für unsere gute und schöne Welt, aber mit versteckten Vorwürfen zwischen den Zeilen über Einwanderung in die Festung Europa. Manche Zuschauer haben sich geweigert mitzuspielen, weil sie sich schuldig fühlten am Verhalten der EU (von und mit Thomas Bartling und Henning Bekermann).

Die Zwillingskriege ist eine fast sprachfreie Pantomime von zwei Schauspielerinnen (Maelle Giovanetti und Sindy Tscherrig), quasi Tanztheater mit kleinem detaillierten Spiel und minimalistischen Bewegungen. Thema ist Gewalt, Abhängigkeit, Unterdrückung, Ausweglosigkeit in einem fast leerstehenden Hotel. Eine sehr sensible und feine Regiearbeit mit Gestik und Sound, ein großartiges Stück.

Bonus Ende ist das Erstlingswerk von Klara Sofia Fernandez (Text und Regie). Sie will in die Zukunft denken, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt, wo alles Faktische verloren geht zu Gunsten eines virtuellen Raumes. Das Stück war zu lang und vor allem zu voll gepackt, mit zu wenig konkreten Bildern, man musste es schon als Experiment sehen. Aischa-Lina Löbbert zeigte blendende Schauspielkunst, die Leute hingen an ihren Lippen, auch wenn sie wenig verstanden haben.

Cate(s) krieg(t) spielt auf einem Laufsteg mit Bombentrümmern, mit Frontberichten, aber über den inneren Krieg zwischen Cate und ihrem Mann, mit Verwischung zwischen Front und Hinterland. Rebecca-Madita Hundt ist eindrucksvolle Trümmerfrau und auch wieder schickes Weib nach dem Krieg. Der Laufsteg, eigentlich symbolisch für Schönheit und Ästhetik, präsentiert die Trümmer der Geschichte unter schicken Stöckelschuhen (von und mit Rebecca-Madita Hundt).

Sindy und Roman: Zuhause in Europa ist eine handwerklich hervorragende Regiearbeit mit Bewegung, mit hin- und her, mit Theaterzauber. Zwei junge Leute mit einem Kleinwagen schlagen sich bettelnd in Europa durch, lustig daherkommend, zeigen aber mit dem Finger auf viele negative Sachen in Europa, so dass einem dann das Lachen doch im Halse stecken bleibt. Ein bitterböses Stück, was als abendfüllende Veranstaltung entwickelt werden soll (René Kalauch und Sabrina Tannen).

Zum Schluss dann noch Wir in Europa, eine Videoinstallation im früheren Konferenzraum von KHD auf mehreren Bildschirmen gleichzeitig. Ann-Kathrin Auditor und Indre Bogdan haben in Köln wahllos Leute gefilmt und gefragt, was ihnen Europa bedeutet, die Antwort dann als dramaturgischer Bogen zusammengeschnitten, wobei nicht zu erkennen war, wer gerade was sprach. Anregungen für eine nachfolgende Diskussion unter den Zuschauern: was bedeutet Europa für mich? Die sich dann auch tatsächlich ergeben hat.

Michael Cramer: Gab es denn auch echte Pannen?

Marc Leßle: Einen Totalausfall hatten wir, die Truppe für Ian und Cate hatte für ihr Stück Anforderungen an uns gestellt, die wir nicht erfüllen wollten und konnten. Da ist sie kurz vor dem Festival wieder abgereist. Ist aber kaum aufgefallen.

Michael Cramer: Ich habe an zwei Abenden alle Stücke selbst gesehen und war anschließend ganz schön fertig, und das nicht nur körperlich. Das ist mein ganz dickes Kompliment an Sie für dieses ungewöhnliche Festival. Viel Erfolg weiterhin.