Übrigens …

Rückkehr zum Gral

Mario Brell ist tot. Das Tenor-Urgestein starb Anfang Juli 2021 im Alter von 85 Jahren. Noch vor zwei Jahren hatte er auf der Bühne gestanden. Zuletzt hatten sich ihm Gelegenheiten dazu in Mannheim und Gelsenkirchen geboten. Die Bühne war sein Lebenselixier. Sie nicht mehr betreten zu können, seine Furcht.

So plagte ihn nach einer Mannheimer Turandot-Vorstellung, in der der damals Neunundsiebzigjährige den Altoum gegeben hatte, beim Gang durch die schier endlosen Flure hinter der Bühne des Nationaltheaters die Sorge, dass das Publikum ihn „nicht mehr hören“ wolle. Wenn man an die Verve dachte, mit der er die überschaubare Partie zu einem vokal und schauspielerisch intensiven Kabinettstück aufgewertet hatte, schien die Befürchtung grundlos. Immerhin holte das Nationaltheater ihn dafür aus Berlin, wo er, um seinen Kindern nahe zu sein, in einer der grünen Lungen der Bundeshauptstadt für seine Frau und sich ein Haus erworben hatte. Das Gespräch kam auf Lohengrin, unvermittelt sang Brell mit jugendlich-unverbrauchter Frische Teile der Gralserzählung. Der Ritter aus mystischen Fernen war Brells Paraderolle spätestens seit er darin an der Hamburgischen Staatsoper aufgetreten war. In den achtziger und neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts avancierte Brell zum europaweiten Schwanenritter vom Dienst. Jede der vielen Vorstellungen absolvierte er mit vollem stimmlichem und schauspielerischem Einsatz. Immer ging er aufs Ganze. Das galt nicht weniger für Zemlinskys Zwerg, die zweite Partie, die ihm auf den Leib geschrieben war, wie auch für Hoffmann und die weiteren Rollen, die er übernahm, darunter viele zeitgenössische. Dank seines kernhaften, bestens fokussierten und strahlkräftigen Tenors, dank auch des hellen, beinahe weißen Timbres, dem er gleichwohl unzählige Nuancen zu entlocken wusste und einer Höhe, durchschlagsmächtig und dabei flexibel wie Damaszenerstahl, erschloss er sich ein breit gefächertes Repertoire, das von Siegfried in Dortmund bis zu Fra Diavolo an der Rheinoper, dem Hans der Verkauften Braut in Frankfurt und Achenbach in Death in Venice am Musiktheater im Revier reichte.

Brell gehörte einer heute kaum mehr anzutreffenden Spezies von Bühnenkünstlern an. Wer mit ihm sprach, betrieb daher unweigerlich oral history. Das Tenor-Urgestein war sich der Zeitzeugenschaft bewusst. 1936 in Hamburg geboren, bestimmten Krieg und Nachkriegsjahre seine Kindheit und Jugend in der bomben- und feuerzerstörten Hansestadt. Brell absolvierte eine Lehre als Maler und Lackierer und arbeitete in dem Metier. Seine Musikbegeisterung führte ihn in einen Männergesangsverein, dessen Dirigent seine Stimme entdeckte und ihm privaten Unterricht vermittelte. Brell legte seine Prüfung als Opernsänger an der Staatsoper seiner Heimatstadt ab. 1963 trat er das erste Engagement an, im fränkischen Hof - als Operettentenor. Zehn Jahre später fand er sich nach einer Zwischenstation in Krefeld/Mönchengladbach im Ensemble des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier wieder, zunächst noch immer als Operettentenor. Freilich war er mit seiner außerordentlichen darstellerischen wie musikalischen Intelligenz bereits in diesem Fach eine Ausnahmeerscheinung. Sein Eisenstein lieferte eine messerscharfe, dabei ebenso boshafte wie charmante Charakterstudie, die weit über das Übliche hinausging. Beharrlich und klug in der Auswahl, wagte er sich in den Folgejahren an seine Opernpartien bis hin zu denen Wagners. Trotz internationalen Gastierens hielt er seinen beiden Stammhäusern in Gelsenkirchen und später auch Düsseldorf/Duisburg die Treue. Doch selbst wenn ihn ein Engagement an die Mailänder Scala führte, zeigte er sich von Kindheit und Jugend im zerstörten Hamburg geprägt. Zwar logierte er nun im Luxushotel, aber statt in Nobelrestaurants zu soupieren, aß er auf seinem Zimmer aus der Dose. Seine frühen Jahre waren lärmerfüllt. Sobald er Geschrei hörte, gab er sich daher zeitlebens verschnupft.

Das Jahr 1997 brachte die lebensgefährliche Zäsur. Während der Endproben zu seinem ersten Tristan ereilte ihn in Rostock ein Herzinfarkt. Brell mussten zahlreiche Bypässe gelegt werden. Erst 2002 konnte er auf die Bühne zurückkehren. Sein am Theater Münster von Peter Beat Wyrsch effektvoll in Szene gesetzter Auftritt als Agrippa von Nettersheim und Mephistopheles in Prokofjews Der feurige Engel geriet zum stürmisch applaudierten Revival. Als Tribut an sein Herz trat Brell nun in solchen kleineren Rollen auf, die er freilich darstellerisch markant und stimmlich nach wie vor auf der Höhe zu eindringlichen Charakterstudien werden ließ. Fortan sang er Partien wie den Gottesnarren in Boris Godunow in Gelsenkirchen oder Altoum am Mannheimer Nationaltheater. Dass man ihn entgegen seiner Befürchtung noch immer hören wollte, beweist sein Hauk-Schendorf in Die Sache Makropulos am Musiktheater im Revier, wo er in der Spielzeit 2019/20 letztmalig auf der Bühne stand. Regie führte Dietrich Hilsdorf, mit dem er Jahrzehnte hindurch in zahlreichen Produktionen zusammenwirkte.

Brell konnte sich eigensinnig zeigen. Als eines seiner fünf Kinder konfirmiert wurde, stieg der während seiner Gelsenkirchener- und Rheinopern-Jahre in einem Blockhaus bei Kleve lebende Sänger auf die Kanzel, um dem Pfarrer sein Missfallen über dessen Predigt zu bekunden. Für seine Autobiografie Drum sei bedankt, mit der er sich aus der durch die Krankheit verursachten Krise schrieb, verzichtete er auf die Ratschläge des literarisch begabten und später erfolgreichen Sohnes. Wenn es ihm essentiell darauf ankam, nahm der immer akribisch Vorbereitete auch auf Proben kein Blatt vor den Mund.

In seiner Freizeit betätigte sich Brell immer wieder als talentierter Elektroinstallateur. Er kam vom Handwerk, das Handwerk erdete ihn. So überirdisch sein Lohengrin sich auch vernehmen ließ, Brell hob nie in lebensfremde Zonen ab. Mit ihm verliert die Welt des Musiktheaters einen Sänger, dessen Totaleinsatz sich allen, die ihn auf der Bühne erleben durften, eingeprägt hat. Mag aber sein, er ist einfach nur zum Gral zurückgekehrt.

Foto: Judith Lorenz