Adam Schaf hat Angst im Köln, Oper

Erinnerung an Georg Kreisler

Die gesehene zweite Aufführung gewann einen nicht ganz vorhersehbaren lokalen Stellenwert. Am Tag zuvor hatte am gleichen Ort, nämlich der kleinen Außenspielstätte am Kölner Offenbach-Platz, eine Pressekonferenz stattgefunden, auf welcher offiziell (nach bereits erfolgten Pressemitteilungen) verkündet wurde, dass die Sanierung des Theaterareals am gleichen Platz sich bis 2022 (statt wie ursprünglich geplant 2015) hinziehen und die Kosten von 253 Millionen € auf mehr als das Doppelte ansteigen würden. Diese Nachricht ging durch die Medien, auf eine nähere Schilderung kann (und muss auch aus Platzgründen) an dieser Stelle verzichtet werden. Festzuhalten ist jedoch: zu Beginn der Baumaßnahmen wurde auf unfassbar inkompetente Weise geschlampt. Der neue Anlauf ist erkennbar seriöser und auch durchaus erfolgsversprechend, doch bedeutet die Interimsverlängerung Bürde für Theater und Publikum. Dieses zieht, wie Besucherstatistiken zeigen, immerhin mit, und die Verfügbarkeit der Ausweichspielstätten von Oper wie Schauspiel ist bis zum Hoffnungstag X gesichert.

Das kleine Haus am Offenbach-Platz hat Schauspielintendant Stefan Bachmann vor einiger Zeit gewissermaßen „okkupiert“. Er fand es einfach unsäglich, sich den Namen dieses historisch wichtigen Ortes langsam verflüchtigen zu sehen. Seiner Initiative nachdrücklichen Dank! Nun schließt sich auch die Oper mit Aktionen an. Im früher benutzten „Palladium“ hatte man schon einmal ein Solo-Musical von Georg Kreisler heraus gebracht, nämlich Lola Blau (April 2015), ein spezieller Erfolg der Mezzosopranistin Katrin Wundsam. Die räumlichen Gegebenheiten des Foyers waren freilich bescheiden, da kann Darko Petrovicv jetzt sehr viel weiter ausholen. Für den einstigen Erfolgstenor Adam Schaf, der jetzt als zweiter Priester in der Zauberflöte auftritt, und auch das nur noch a.G., und in seiner Garderobe wehmütig Erinnerungen an alte Zeiten nachhängt, hat er eine eingefallene Theaterlandschaft entworfen, die unverhohlen auf das halbfertige Opernhaus schräg gegenüber verweist. Diese Optik bietet zahlreiche Anspielungen, einige mehr, andere weniger entschlüsselbar. Auf den Kulissentrümmern turnt Tenor Martin Koch herum. Am gegen Schutt und auslaufendes Wasser mit einer Plastikbahne geschützten Flügel nimmt Dirigent Rainer Mühlbach Platz, in Köln vornehmlich fürs Opernstudio und Kinderoper verantwortlich.

Um es gleich unumwunden zu sagen: was der Mann neben dem Klavierspiel an schauspielerischen und zirzensischen Aktivitäten bietet, ist so virtuos, dass einem nachgerade die Kinnlade herunter fällt. Wirbelwindiges Tastenspiel und dazu die Kreislerischen Wortgirlanden - da kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Martin Koch wiederum, der vielseitige Charaktertenor im Kölner Ensemble, schwitzt sich bei sommerlichen Temperaturen reckenhaft durch die 75minütige Aufführung hindurch, ohne je am witziger Hochspannung  und Bühnenpräsenz einzubüßen. Frenetischer Applaus für beide Künstler.

Das Stück, 2002 von Tim Fischer beim Berliner Ensemble aus der Taufe gehoben (es gibt mit ihm auch eine CD-Aufnahme) hat sich als nicht ganz so erfolgreich wie Lola Blau erwiesen. Die Wiederverwertung von Chansons wie „Opernboogie“ und „Der Musikkritiker“ kennzeichnet das Pasticcio-Verfahren bei diesem Musical, welches Zeit- und Gesellschaftskritik mitunter etwas mühsam bündelt. Aber in Köln macht Eike Ecker das Aller-Allerbeste daraus.

Die junge Regisseurin, ungerechterweise selten an erster Stelle arbeitend, beschert dem Publikum Laune, die noch lange nach der Aufführung anhält. Detailbeschreibung würde zu weit führen. Doch sei eine Szene herausgegriffen, bei der Martin Koch mit Donald-Trump-Perücke wie einst Charly Chaplin in dem Film “Der große Diktator“ mit einer Luftballon-Weltkugel jongliert. Ein hintergründiger Einfall der Superklasse. Die Auftritte der Musiker Gerhard Dierig (Viola) und Konny Kyrion (ein vor allem lokal beliebter Zitherspieler) leuchten nicht so ganz ein, machen aber pittoreske Wirkung.

Als Zugabe ein Teil-Chanson mit Anspielung auf die beschämende Theatersanierung. Da kommt bei allem Jux auch Wut auf.