Le Portrait de Manon im Musikhochschule Münster

Schmerzhafte Erinnerung

Diese Uhr geht falsch! Ihre Zeiger laufen rückwärts. Und die rechts daneben? Hat gar keine Zeiger mehr! Was ist los? Die Zeit scheint aus den Fugen geraten zu sein. Oder sie dreht sich schlicht zurück.

Genau dies passiert Des Grieux, jenem adligen Chevalier, den der Franzose Jules Massenet in den Mittelpunkt seiner einaktigen Oper Le Portrait de Manon stellt. Jetzt erlebte dieses heute kaum noch gespielte, gleichwohl interessante Stück in der Musikhochschule seine münsterische Erstaufführung in der Inszenierung von Benedikt Borrmann.

Es geht um Erinnerung an die tragische Liebesgeschichte des alt gewordenen Chevaliers, wie Massenet sie 1884 in seiner Grand Opéra Manon entfaltet hatte. Zehn Jahre später warf der Komponist mit dem Portrait de Manon noch einmal einen Blick zurück: Des Grieux lebt inzwischen weltabgeschieden, ist traumatisiert und verletzt, seit seine geliebte Manon in seinen Armen starb. Was ihn nun irrigerweise dazu antreibt, seinem Mündel Jean die Liebe auszutreiben. Natürlich gelingt ihm dies nicht! Und so findet Jean schließlich seine Aurore und das junge Paar macht sich auf den Weg einer gemeinsamen Zukunft.

Es sind viele Gefühle, viele Emotionen und vor allem schöne und weniger schöne Erinnerungen, die das Vier-Personen-Stück Takt für Takt prägen. Unterfüttert von Massenets Musik, die in jedem Moment berührt und in Borrmanns Inszenierung bereichert wird durch Lieder von Hector Berlioz (unter anderem aus „Les Nuits d‘eté“) und Massenet („Nuit d‘Espagne“ und „Élégie“).

Pia Oertel entwirft mit wenigen, aber stets sehr sinnfälligen Mitteln ein Bühnenbild, auf dem Benedikt Borrmann die Beziehungsgeflechte entfaltet.

Ganz fantastisch Hyolim Chi, die Pianistin, die ein ganzes Orchester zu „imitieren“ hat. Das hat sie in der Vergangenheit bereits mehrfach anlässlich vergleichbarer Opernprojekte im Konzertsaal der Musikhochschule getan. So auch diesmal. Und wieder einmal mit unglaublich sensiblem Gespür für die vielfältigen Stimmungen dieser Musik.

Und es ist ein Fest für vier Stimmen: Shinyoung Hwang und Leonie Helferich, Ana Karina von Ambüren und Jidou Qian - Studierende der Gesangsklassen von Annette Koch und Ines Krome. Was diese vier jungen Leute da auf der Bühne präsentieren, ist einfach toll! Sängerisch nicht weniger als darstellerisch. Und mit größter Selbstverständlichkeit, mit Ausstrahlung, mit innerer Anteilnahme, in jedem Moment abrufbarer, überzeugender Bühnenpräsenz und erstaunlicher Professionalität. Shinyoung Hwang fühlt sich mit Haut und Haar und einem wunderschön runden Bass ein in seine Rolle als Des Grieux, Leonie Helferich ist ein(e) durch alle Register hindurch ebenmäßig fließender Jean, Jidou Quian ein leuchtender Tenor, der dem Des Grieux als Freund namens Tiberge nahesteht. Auch Ana Karina von Ambüren macht als Aurore eine rundum überzeugende Figur! Und alle vier beglücken mit dem Ergebnis eines unglaublichen Arbeitspensums, das mit der Erarbeitung ihrer jeweiligen Rollen ganz gewiss verbunden war.

Projekte wie diese, die seit etlichen Jahren regelmäßig an Münsters Musikhochschule durchgeführt werden, sind wichtig und richtig. Und sie sind gewinnbringend fürs Publikum, präsentieren sie doch nicht nur Raritäten des Opernrepertoires, sondern beweisen darüber hinaus vor allem auch die Qualität des singenden Nachwuchses. Grandios!

 

 

Das Opernprojekt wird am Samstag, dem 22. April um 19.30 Uhr in der Musikhochschule noch einmal wiederholt.