Übrigens …

I Did It My Way im Bochum, Jahrhunderthalle

Mit dem Pathos des guten Amerika

Eine knappe Woche ist rum seit der Premiere, alle Aufführungen sind ausverkauft, und jeder, gleich ob er oder sie die Aufführung gesehen hat oder nicht, weiß, was den Rezensenten erwartet: „Das hat aber schlechte Kritiken“, kommt reflexartig von Hinz und Kunz, Erna und Fritz, wenn man erzählt, man ginge „zu Lars Eidinger“. Der ist das Zugpferd, seinetwegen haben sich alle um die Karten gekloppt, seinetwegen haben den Rezensenten alle möglichen Freunde nach Karten gefragt - und jetzt enttäuscht er angeblich. Nicht der Rezensent, denn der konnte zwei Wagenladungen füllen, aber der Eidinger. Aber diejenigen, die Karten ergattert haben, erzählen von Standing Ovations. Ja, was denn nun?

Okay, die WAZ hat über die Aufführung hergezogen als gebe es kein Morgen. Die Süddeutsche aber hat angeblich ziemlich gejubelt, und bei den nachtkritik-Charts steht die Aufführung nach einer Woche auf Platz 1 der Inszenierungen, „die man eigentlich mal gucken müsste“. Nun gut, deren Algorithmus stellt stark auf den „Aufmerksamkeitswert“ ab, den die Inszenierung bei Presse und Leserschaft erhalten hat, und der könnte kaum größer sein. Die nachtkritik selbst war verhalten - aber differenziert. Also: Wagenladung ausgekippt, Erwartungen gedimmt - und möglichst unvoreingenommen Block und Bleistift in die Hand genommen.

Tolle Band, stellt der Rezensent nach wenigen Minuten fest. Die Combo, die sich Henry Hey (der selbst am Piano sitzt) zusammengestellt hat, passt perfekt zu Frank Sinatra, dessen Songs im ersten von drei Teilen im Vordergrund stehen - der sei ja selbst immer ein bisschen symphonisch, hat der Rezensent gerade noch irgendwo gelesen. Sinatras „Watertown“-Album aus dem Jahr 1970 beginnt genau wie Ivo van Hoves Aufführung mit … ja klar: „Watertown“, der melancholischen Hymne an die klassische amerikanische Kleinstadt: „Not much happenin‘ / Down on Main / ‘cept a little rain…“ Als Zuschauer gerät man in eine Art Wohlfühl-Atmosphäre, denn mit der Langsamkeit und Melancholie des Songs entdeckt man auch die Kleinstadt. Mit der Kamera, deren Bilder auf das so einfache wie wunderbare zweistöckige hölzerne Wohnhaus mit dem winzigen Portico projiziert werden, das Jan Versweyveld für die Inszenierung gebaut hat, wandern wir durch die Stadt und beginnen sie gerade zu lieben, als das Lied dann doch mit einem Hinweis auf Unstimmigkeiten endet: mit dem einsamen Mann, der die Stadt mit dem Zug auf Nimmerwiedersehen verlässt.

Watertown“ ist ein Konzeptalbum, für Sinatra-Fans vermutlich eins der schönsten und anspruchsvollsten. Erzählt wird die Geschichte einer Trennung: Frau verlässt Mann, und der versteht nicht warum. Van Hove mixt die Songs; es wird nicht einfach das Album heruntergespielt, zumal der musikalische Abend ja gleichrangig aus Songs von Sinatra und Nina Simone bestehen soll. Deren wunderbares Lied „Wild ist he wind“ (Simone hat da einen Filmsong aus dem Jahr 1957 gecovert) steht am Ende dieses ersten Teils, der recht hübsch, manchmal ein bisschen kitschig, vor allem aber zu lang ausfällt. Lars Eidinger gibt den etwas weinerlichen weißen Verlassenen, Larissa Sirah Herden die aufmüpfige, ihre eigene Trauer in Spott kleidende schwarze Frau. Dass die ihre Selbstverwirklichung nur durch Emanzipation von der weißen Dominanzkultur erreichen kann und ihren weißen Provinz-Mann, der heute vermutlich den amtierenden Präsidenten wählen würde, eben deshalb verlässt, erfährt man im Programmheft. Man wäre von selbst nicht drauf gekommen.

Ist Teil 1 zu lang, so ist Teil 3 angenehm kurz. Atmosphärisch nimmt er die Stimmung von Part One wieder auf - und auch leider dessen gewisse Eintönigkeit. Irgendjemand muss jedoch die irrige Idee gehabt haben, Eidinger und Herden könnten die große weite Bühne nicht alleine füllen, und hat Tänzerinnen und Tänzer des belgischen Faso Danse Théâtres hinzuengagiert. Die hüpfen nun mit durchaus akrobatischen, aber wenig variantenreichen Bewegungen auf der Bühne herum, oft in einer gemeinsamen Choreografie mit Herden und Eidinger. Die Rezension kommt jetzt an ihren heiklen Punkt: Der Schreiber dieser Zeilen, der sich nicht anmaßt, die Kunst der Choreografie beurteilen zu können, fand, dass die meist in zwei Gruppen à drei Personen auftretenden Performer:innen ein gehöriges Defizit an Synchronität hatten, und auch die Tanzkunst selber hat ihm nicht sonderlich eingeleuchtet. Er hat aber versprochen, davon nichts zu verraten, denn die Let’s-Dance-gestählten freitäglichen RTL-Guckerinnen aus den beiden PKWs protestierten lautstark: Das müsse so sein, das sei eben Contemporary. Herr Eidinger ist allerdings wahrscheinlich meiner Meinung, denn wenn er hüpfen musste, tat er das mit Verve, aber es wirkte, als stecke der Schauspieler im falschen Körper. Vorschlag zur Güte: Sie lesen meine Sätze zur Choreo gar nicht, sondern fragen Herrn Lambi.

Larissa Sirah Herden, auch in den noch so schlechten Kritiken hochgelobt, sieht das möglicherweise ebenfalls anders als der Rezensent. Denn die kann singen und tanzen - aber hallo! Sie stellt das über die gesamte 100minütige Spieldauer unter Beweis, hat aber das Glück, im inhaltlich stärksten Teil des Abends im Vordergrund zu stehen. Die Hymnen ballen sich nämlich in Teil 2 zusammen. Eidinger eröffnet ihn mit dem Titelsong der Aufführung. Auch wenn dem begnadeten Schauspieler ausgerechnet hier die schauspielerischen Mittel fehlen, um der Hymne auf die Widerstandsfähigkeit noch mehr Kraft zu verleihen, begreift man, warum das ikonische „I Did It My Way“ Unsterblichkeit erlangte. Ansonsten kommen in diesem Teil aber vor allem die Lieder von Nina Simone zur Geltung, die sich mit dem Rassismus der Gesellschaft befassen. Wenn Larissa Sirah Herden, die Person of Colour aus Gelsenkirchen, mit Angela-Davis-Perücke ihr „Young, Gifted and Black“ schmettert, entwickelt die Aufführung plötzlich Power. Grandios besingt Herden anschließend mit ihrer so gefühlvollen wie volltönenden Stimme die „Four Women“, deren Portraits in Großaufnahme auf die Bühne projiziert werden - von der versklavten Working Class Aunt bis zur gemischtrassigen Prostituierten. Zum emotionalen und künstlerischen Höhepunkt des Abends wird „Why“ - das Lied über Leben und Tod von Martin Luther King. Herden und das tolle Orchester von Henry Hey tragen es mit dem Pathos des guten Amerika vor, also des Amerika vor seiner Zerstörung durch rüpelhafte Autokraten. Bloß: War das gute Amerika tatsächlich in allen Bevölkerungsgruppen und -schichten gut? Schwarzweiß-Fotos und -Videos aus der Zeit von Riots und Rassenhass visualisieren die Einschüchterung der schwarzen Bevölkerung, aber auch die für europäischstämmige Amerikaner mutmaßlich befremdliche religiöse Inbrunst des stets Gewaltfreiheit predigenden Bürgerrechtlers. Ein weißer Mob wird gezeigt, der wütend auf zwei an einem Baum aufgehängte Afroamerikaner deutet. America the Beautiful

Wir sind in den 1960er und frühen 1970er Jahren. Van Hove und sein Team wollen die Songs keineswegs zwanghaft in die Gegenwart holen, und sie demonstrieren das durch das Videodesign. Von daher geht die Kritik einiger Medien fehl, die monieren, dass es das Amerika der Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, die Einheit in der Vielfalt behaupteten, das Amerika des Einfachen, Ländlichen und Aufrechten heute nicht mehr gebe. Es war das – vermutlich nie gelebte, aber doch von der Mehrheit angestrebte – Ideal aufgeklärter Menschen der Zeit, das Ideal, für das auch ein Frank Sinatra eintrat. Klar ist der Song über „The House I Live In“ kitschig, aber man müsste ihn der MAGA-Gang permanent um die Ohren hauen. Larissa Sirah Herden interpretiert ihn voller Gefühl, und ungezählte Porträts unterschiedlichster Personen erscheinen auf Jan Versweyvelds Haus-Fassade: „What is America to me? / A name, a map, or a flag I see? / A certain word, “democracy?”

Let’s make Democracy great again. So schlecht war die Aufführung nicht!