Alltag & Ekstase im Theater Münster

Wer bin ich?

Janne wird nicht erwachsen – ist noch mit Vierzig auf der Suche nach seinen Talenten. Katja, seine Ex und Mutter seiner Tochter, jagt durch die ganze Welt der Selbsterfahrungskurse und trachtet nach möglichst genauer Selbstanalyse. Jannes Mutter baut sich ein nachhaltiges, autarkes perfektes Ökohaus, während sein Vater Günther, ein Ethnologe, sein Ich in fremden Kulturen verwirklichen will.

Dann erscheint Takeshi, Günthers japanischer Liebhaber auf der Bühne und stellt die ganze Sinnsucherei in Frage. Er spendiert Janne einen Trip auf Pilzbasis. Der meint, dadurch erwachsen geworden zu sein und beginnt sofort, sein zukünftiges Leben zu sezieren.

Einhundert Minuten genüssliches Suhlen im Ich verordnet Rebekka Kricheldorf ihren Figuren in Alltag & Ekstase. Sie tut das sprachlich virtuos, mit gekonnt aufgereihten Begriffsketten und entlarvenden Enthüllungssalven. Ihre Personen werden zu Karikaturen der neuen Lust an Eigensezierung. Das kann manchmal sicher lustig sein: Gerade in Münster wird man beim Anblick der saturierten Selbstverwirklicher an alle Vorurteile über die Kreuzviertelbewohner erinnert. Andere werden sich gerade wegen der karikaturhaften Figurenzeichnung blendend amüsieren.

Im Grunde aber hat Kricheldorf nach einer halben Stunde alles gesagt. Die Handlung von Alltag & Ekstase ist völlig unerheblich: leider tragen Sprachbeherrschung und Situationskomik keinen ganzen Abend. Langweilig wird’s unweigerlich irgendwann, weil nichts Neues mehr kommt. Und außerdem: Klar kenne ich solche Leute wie die auf der Bühne, aber die sind mir – mit Verlaub – sch...egal!

Falsch machen kann ein Regieteam bei einem solchen Stück nichts. Und so schafft Regisseur Robert Teufel immer wieder hübsch anders gruppierte Gesprächssituationen und Sabine Mäder steckt die Figuren in durchaus charakterisierende Kostüme: Janne in schmuddelige Joggingklamotten, Katja in einen Kimono und Günther in angebatiktes Ethno-Outfit.

Die beste Szene gelingt den beiden bei Jannes Pilzrausch. Wie der plötzlich über die Bühne hüpft, sich auszieht und den schwarzen Quader (das einzige bühnenbildnerische Element) in seine Einzelteile zerlegt, ist großartig. Das liegt zum Großteil aber auch an Ilja Harjes. Wie der plötzlich aufdreht und den eher verhuschten Janne zum Derwisch macht – Chapeau!

Die Kollegen aus dem Ensemble sekundieren aber ebenfalls auf’s Beste: Lilly Gropper als von Selbstzweifeln geplagte Katja, Regine Andratschke als selbstgerechte Sigrun und Gerhard Mohr in der Rolle des Übervaters Günther. Scheinbar naiv und doch für alle anderen ein advocatus diaboli: Bálint Tóth als Takeshi. Das Premierenpublikum zeigt sich begeistert.