Parsifal im Schauspiel Essen

Erlösung und Apokalypse

Ödnis und Tristesse allüberall, Krankheit, Not und Tod, wohin das Auge auch blickt. Hinten zeitweise eine wüste Landschaft – karges Gestrüpp in unendlicher Weite –, vorn eine Ladenzeile mit nichts drinnen außer Leerstand, die Gebäude angekokelt. Oder vorn eine Isolierstation, in der Weißkittel mit Schutzhelmen gegen das Siechtum ankämpfen. Und hier, in diesem Endzeitszenario auf der Essener Schauspielbühne, im Grillo-Theater, soll es um Erlösung gehen, soll der Held Parsifal, dessen Geschichte verhandelt wird, den König Amfortas heilen? Nun, so wird es geschehen. Doch am Ende ist der helfende Held ein durch und durch verlorener Recke, wie er da steht mit seinem Zauberspeer in der Hand, sichtlich beengt in einem winkligen und verspiegelten Raum.

Das Stück, das hier gegeben wird, und das Parsifal heißt, aber auch Parzival heißen könnte, ist ein Konstrukt. Basierend auf Wolfram von Eschenbachs mittelalterlicher Dichtung, bedient sich diese Fassung des Bühnenweihfestspiels Richard Wagners und Tankred Dorsts Theatertext. Der wiederum speist sich aus dem Roman „Merlin oder Das wüste Land“. Das ergibt eine ziemlich stringente Erzählung, die mit Parsifals Abschied von der Mutter beginnt sowie die Überwältigung des roten Ritters zeigt, und darin Dorst folgt. Die Begegnung mit Gurnemanz und dem hinfälligen Amfortas, mit Kundry und Klingsor, schließlich die Erlösung ist wiederum nah bei Wagner.

So weit, so vertraut. Doch worum es wirklich geht, um Einsamkeit, Elend, kaum erfüllbare Sehnsucht, um den Furor des Tötens, mündend in die Apokalypse, das Erlöschen des Planeten, das verrät uns Dorst im „Merlin“-Schluss, den das Essener Theater als Prolog von einem Affen, als Epilog von einer verfremdeten, wie jenseitigen Kinderstimme sprechen lässt. So könnte das Stück auch „Szenen vom Ende der Menschheit“ heißen, staunend betrachtet von einer außerirdischen Intelligenz. Für uns von Gustav Rueb so dramatisch wie ergreifend in Szene gesetzt, im wirkmächtigen Bühnen- und Videobild Florian Barths, in äußerst raffinierter musikalischer Gestaltung, die Eric Schaefer erdacht hat.

Anfangs summt und wabert, klingelt und pocht es elektronisch. Parsifals Mutter Herzeloide mag vor Kummer und Angst, an gebrochenem Herzen sterben, weil sie die Nestflucht ihres naiven Sohnes, der das Fürchten vergessen hat, nicht aufhalten kann. Doch in Ruebs Inszenierung stirbt sie sitzend, schweigend auf dem Bett einer Krankenstation. Und in diese Stille, die Parsifal nicht als die des Todes begreift, zaubert John-Dennis Renken traurig-triste, jazzfarbene, teils halldurchtränkte Trompetentöne.

Auch Oliver Urbanski, mit seinem Akkordeon, ist solch ein Stimmungsmagier. Mit Sven Seeburg, Rezo Tschchikwischwili und Thomas Anzenhofer bildet er zudem einen formidablen Chor, erzählend, singend und kommentierend. So berichten sie über Parsifal, der Ritter werden und Gott finden will, der dabei über Leichen geht, im Sinne Dorsts wüstes Land hinterlässt. So wie er auch den roten Ritter meuchelt, in der eingangs erwähnten Laden-Leerstands-Szenerie. Die macht optisch der Tristesse einer Anna Viebrock alle Ehre, während das Geschehen grotesk und absurd wirkt. Ein Alter schlurft gebückt durchs Bild, mit seinem Rollator auf Augenhöhe, ein anderer entpuppt sich als Exhibitionist, der grinsend unterm Mantel seine Kreuze-Sammlung zeigt. Ein Schulmädchen sagt zu Lernendes auf und läuft dazu wie ein Automat. Doch wenn der Ritter blutend stirbt, bleibt ihr nur kreischende Hysterie.

An dieser Stelle leitet Regisseur Gustav Rueb den mordenden Helden, der nichts von seiner Schuld weiß, zu den Gralsrittern. Die nun folgende Parsifal-Amfortas-Kundry-Klingsor-Szenerie ist geprägt von der hypnotischen Kraft der Musik Richard Wagners, die mitunter rein und schön klingt, manchmal nur erahnbar ist, dann wieder packend aufblitzt. Nur schade, dass Jens Winterstein (Gurnemanz) und Axel Holst (Amfortas) den Originaltext des Bayreuther Meisters oft unprononciert sprechen.

Doch welche Szene: Da schieben weißbekittelte Gestalten, jene, die anfangs noch Herzeloide pflegend in den Tod begleiteten, den siechen Amfortas herein, schlappe Ritter vorweg und hinterdrein die müde Kundry – eine Prozession der Untoten. Und der Gral, der enthüllt kurzfristige Stärkung verheißt, entpuppt sich als Dialysemaschine. Ein Ritual der klinischen Art, für Parsifal unbegreiflich. Spannender noch Kundrys scheiternde Verführung im Glitzerkleid (Kostüme: Dorothee Joisten) und des Helden Erleuchtung. Ein mitreißendes Wort-Ton-Gefecht, Wagners Text hochdramatisch gesprochen von den fabelhaften Mimen Philipp Noack (Parsifal) und Laura Kiehne (Kundry), ebenso mitreißend aus dem Off gesungen (eine alte Karajan-Einspielung mit Peter Hofmann und Dunja Vejzovic). Dagegen bleibt Parsifals Rückkehr zu den Rittern und Amfortas’ Heilung eine ziemlich blasse Angelegenheit.

So relativiert die Regie am Ende Wagners Weihe, schickt den Erlöser in die Isolation und überlässt Tankred Dorst das letzte Wort über jenen erloschenen Zwergplaneten namens Erde, dessen Wesen „vermutlich eine gewisse Kultur mit primitiven Religions- und Gesellschaftsformen“ entwickelt hätten. Immerhin: In manchen mehr oder weniger launigen Szenen, die das Ritterstück als Intermezzi konterkarieren, gesteht Dorst diesen Wesen, also uns, gewisse Kunst-Fertigkeiten zu. Doch Trost finden wir hier nicht. Aber einen ungemein inspirierenden Theaterabend.