Wie es Euch gefällt im Theater Münster

Liebeskrank im Ardennerwald

Am Anfang steht Platon – besser dessen erfundener Mythos vom zweigeschlechtlichen Kugelmenschen. Der wurde von Zeus getrennt und seither suchen sich die beiden Teile unentwegt, streben aufeinander zu, um Glück und Befriedigung wieder zu finden. Platon wollte die Macht des Liebesgottes Eros symbolisieren.

Die ewige Suche, das Hoffen auf das passende Gegenstück stellt Christian von Treskow in den Mittelpunkt von Wie es Euch gefällt und schafft eine überaus stimmige Deutung, die dem Premierenpublikum außerordentlich gut gefällt. Das Liebespaar Rosalinde und Orlando wird von Herzog Frederik nacheinander vom Hof vertrieben, macht sich getrennt mit Gefolge auf in den Ardennerwald. Rosalinde sucht dort, als Mann verkleidet, ihren Vater, Frederiks im Exil lebenden Bruder. Orlando erkennt sie als Mann nicht und das Verwirrspiel beginnt, zumal auch diverse andere Paare ihren Weg kreuzen, die zueinander finden müssen.

Ein riesiger Apfel prangt auf der Bühne (Sandra Linde und Dorien Thomsen). Um ihn herum irren Shakespeares Figuren und suchen. Dabei ist es von Treskow gar nicht so wichtig, ob es sich um vom bösen Herzog Vertriebene handelt oder ländliche „Ureinwohner“. Denn alle eint der Wunsch nach dem richtigen Partner.

Von Treskow entwickelt mit seinen Akteuren für jede Figur ein ganz eigenes Bewegungs- und Sprachprofil (gesprochen wird die sensible Übersetzung Jürgen Goschs, die auf heutige Sprache setzt, ohne poetische Momente zu vernachlässigen). Das schärft die Charaktere ungemein und fördert im sehr temporeichen Bühnengeschehen die Übersicht.

Das Schauspielensemble des Theaters Münster zeigt, was eben ein Ensemble ausmacht: vertrauensvoll miteinander zu agieren und gleichzeitig Individualität zu zeigen. Großartig! Gerhard Mohr gibt souverän beide Herzöge. Und da ist Ilja Harjes als Hofschranze des neuen Herzogs, der sich gerade noch rechtzeitig davonmacht und (wie schon so oft) mit prächtiger Gesangseinlage brilliert. Regine Andratschke führt die Zweigeschlechtlichkeit in extremster Form vor – als glatzköpfiger, schlurfender Diener Adam und als Narrenbraut Audrey im Cheerleader-Outfit.

Andrea Spicher als mit Rastalocken bewehrte Phoebe liebt die zum Mann mutierte Rosalinde, hechelt ihr geradezu hinterher, dass man Mitleid haben muss. Ebenso mit Silvius, der Phoebe will und von Garry Fischmann als mit italienischem Akzent sprechender Schnulzensänger gegeben wird. Jonas Riemer ist als Narr Probstein mit fleischfarbener zarter Corsage und Karnevals-Käppi nicht nur ein echter Hingucker, sondern posaunt auch mit größter Selbstverständlichkeit die größten Unsinnigkeiten in die Welt. Christian Bo Salle ist richtig fies als böser Bruder Orlandos und wandelt, durch die Liebe geläutert ebenso schlafwandlerisch durch den Wald wie Ulrike Knobloch als Celia, die eben noch mit kecken Sprüchen glänzt und auf einmal so zahm ist.

Daniel Rothaug ist ein wütender Orlando, der aufbegehrt gegen seine gesellschaftliche Diskriminierung und ganz verletzlich wird durch die Liebe. Unsinnige, billige Verse heftet er an die Bäume des Waldes – gewidmet seiner Rosalinde, die von Sandra Bezler anrührend zart und dennoch unglaublich willenstark gezeichnet wird. Soll jemand hervorgehoben werden aus dem ungemein spielfreudigen Ensemble, so ist das Christoph Rinke als androgyn-debiler Jacques, der schlangengleich sich über Apfel und Bühne robbt. Er ist so genervt und gelangweilt von dem Geschehen um ihn herum, dass er sogar versucht, sich in einer Papiertüte zu ersticken.

Am Ende hat jeder genug von der übergroßen Frucht des Baums der Erkenntnis genossen oder ist lange um ein Kugelmenschen-Symbol herumgeirrt. Für ein Happy-End reicht’s allemal. Bei diesem Shakespeare gehen nicht nur frisch Verliebten Herz und Hirn auf.