Wir sind die Neuen im Münster, Wolfgang-Borchert-Theater

Wenn Bologna-Prozess auf Woodstock-Nachwehen trifft

Wir sind die Neuen – das klingt ganz harmlos, wenn sich neue Nachbarn vorstellen. Ungewöhnlich ist es jedoch, wenn Anne, Eddi und Johannes einziehen. Die haben nämlich schon in ihren Studienzeiten zusammengewohnt in einer WG so wie sie damals üblich war: mit Streit über den Abwasch, Diskussionen über den Putzplan, mit Partys und Sex. Jetzt versuchen sie es erneut, motiviert durch Geldmangel, Angst vorm Älterwerden und den Wunsch, dass alles wieder so sein möge wie in den guten alten Zeiten.

Was aber, wenn diese Sehnsüchte auf eine heutige Wohngemeinschaft treffen, deren Alltag bestimmt wird vom Bologna- Prozess, durchstrukturiert ist und ein reines Zweck-Zusammenleben. Da ist Zoff programmiert!

Kathrin Sievers erstellt nach Ralf Westhoffs Film eine stringente, vorwärtsdrängende Bühnenfassung, die in den richtigen Momenten aber auch innehalten kann und ruhige Augenblicke enthält. Sie erzählt in kurzen, aneinander gereihten filmischen Sequenzen, die den Abend wie im Fluge vergehen lassen. Annette Wolf baut eine von Sperrholzwänden eingefasste Bühne, an deren Kopfende sich ein riesiges Whiteboard befindet, das sich im Laufe des Abends mit Stichworten und kurzen Gedanken aller Akteure füllen wird. In diesem Rahmen erleben wir, wie scheinbar unüberbrückbare Gegensätze aufeinanderprallen – unterstrichen durch rockige sehnsuchtsvolle Songs hier und harte Beats dort. Hemmungslos wird ein Klischee nach dem anderen ausgepackt und genüsslich zelebriert. Die „Alten“ gehen sich bald schon wieder auf die Nerven, schmoren im eigenen Saft, während bei den „Jungen“ der festgefügte Alltag durch Probleme auseinanderbricht. Aber natürlich gibt es eine Brücke...

Wir sind die Neuen wird maßgeblich getragen von einem perfekt harmonierendem Sextett auf der Bühne, das viel Bewegungsfreude mitbringt und mit großem Spaß den Abend gestaltet.

Vorweg eine tolle Monika Hess-Zanger als warmherzige und gleichzeitig frustrierte Anne. Josef Tratnik gibt den übervorsichtige Anwalt Johannes ebenso überzeugend wie Jürgen Lorenzen den Eddi – unverbesserliches Raubein genauso wie unverbesserlicher Charmeur zugleich. Luan Gummich, Franziska Ferrari und Alice Zikeli sind ein herrlich unbarmherzig, unison auftretendes Trio, bevor jeder sein kleines Wehwehchen offenbart.

Alle formen eine – vom Publikum begeistert aufgenommene – Komödie. Die ist genauso wenig nachhaltig wie die Wohngemeinschaften der siebziger Jahre, hinterlässt aber ein ungemein wohliges Beschwingtsein, das lange nachklingt.