MICHAEL KOHLHAAS. I'm every woman im Köln, Theater im Bauturm

Gerechtigkeitswahn endet auf dem Schafott

Genau 208 Jahre ist sie alt, umfasst an die 100 Seiten, und ist so bitter-aktuell wie zu Heinrich von Kleists Zeiten: seine Novelle Michael Kohlhaas. Es ist die Geschichte eines Rosshändlers aus Brandenburg, der Recht und Gerechtigkeit sucht, beides nicht findet, und aus Enttäuschung und Wut die Welt in Brand steckt: Brandschatzend und mordend zieht er durch die Lande, nachdem ihm die Herrschenden, eine Clique aus Adligen und ihnen ergebenen Richtern, alle Rechte abgesprochen haben. 

Zwei vor Kraft strotzende Pferde, die er als Pfand für seine Durchreise nach Dresden beim Burgherrn Wenzel von Tronka zwangsweise und völlig unbegründet hatte zurücklassen müssen, hatte er als abgemagerte Schindmähren zurückbekommen. Das Gericht, das er daraufhin anruft, verweigert ihm die erhoffte Gerechtigkeit. Und als auch noch seine Frau Lisbeth bei einem ominösen Unfall stirbt, ist sein Rachefeldzug nicht mehr aufzuhalten. Städte versinken in Schutt und Asche, Menschen sterben unter den tödlichen Hieben seiner wachsenden Anhängerschar. Selbst Martin Luther kann ihn nicht bremsen. Am Ende endet Michael Kohlhaas auf dem Schafott.

So verdienstvoll es scheint, Kleists Szenario auf die Bühnenbretter zu hieven – im Kölner „Bauturm“-Theater ist das krachend gescheitert. Denn nichts wird in Matthias Köhlers achtzigminütiger Inszenierung mit nur vier Schauspielerinnen auch nur annähernd dem Original gerecht. Und was ihn bewogen haben mag, den Kleist-Titel Michael Kohlhaas um „I‘m every Woman“ (Titel des Disco-Klassikers von Chaka Khan) zu ergänzen, bleibt so sehr sein Geheimnis wie die gesamte Dramatisierung. Die Titelrolle zudem mit einer vor allem zu Beginn spürbar überforderten Schauspielerin zu besetzen, zieht die Inszenierung auch nicht gerade in höhere Theater-Gefilde. Weil auch der brandschatzend durchs Land ziehende Rosshändler als „Every Woman“ herhalten musste? Heilige Einfalt!

Zäh, ja geradezu unbeholfen beginnt der Abend. Mit einem Kohlhaas, dem man keine Minute abnimmt, was ihn ausmacht: zunächst Gerechtigkeit zu suchen, um schließlich zunehmend brutal zuzuschlagen. Das Frauen-Quartett (Davina Donaldson, Nadja Duesterberg, Thekla Viloo Fliesberg, Lina Maria Spieth) gibt dabei nur vor, Kleist zu spielen. Dabei ist von dessen Enttäuschung, Wut und Verzweiflung nichts zu sehen oder auch nur zu verspüren. 

Wenn die vier schließlich chorisch sprechen, zudem jede der Akteurinnen die Kohlhaas-Rolle im Wechselspiel übernimmt, wird die Aufführung zwar um einiges dichter und stringenter, bleibt aber den Nachweis schuldig, dass Kleist Novelle und Kohlhaas‘ Weg etwas mit uns zu tun haben. Das wäre nämlich: uns eindringlich spüren zu lassen, wie weit Vertrauensverlust in die Herrschenden die Moral und Menschlichkeit aus dem Ruder laufen lassen. Was auch fürs Heute leicht nachweisbar wäre; aber im Bauturm leider chancenlos bleibt. 

So wird das wirklich aktuelle Thema der Radikalisierung in vielen Teilen der Welt leichtfertig verschenkt. Wie auch immer: Am Ende war der Jubel des Publikums kaum zu bändigen.