Die Wiedervereinigung der beiden Koreas im Theater Münster

Liebe?!

Die Wiedervereinigung der beiden Koreas - als Joël Pommerat diesen Titel für sein Stück wählte, wähnte er diesen als perfektes Symbol für zwei Teile, die zueinander streben und dennoch nicht zueinander finden können. Tagesaktuell sehen wir auf der weltpolitischen Bühne Ansätze für eine Verständigung der beiden sich einst erbittert  feindlich gegenüber stehenden Staaten. Pommerat will mit den beiden Koreas unüberbrückbare Gegensätze beschreiben. Zwanzig Szenen schreibt er über das Thema „Liebe“. Kurze und längere Episoden - alle brillant formuliert, perfekt fokussiert und von Isabelle Rivoal meisterhaft pointiert ins Deutsche übertragen.

Anne Bader hat fünfzehn Sequenzen ausgewählt und auf die Bühne des Theaters Münster gestellt. Sylvia Rieger baut ihr dafür einen funktionalen Mehrzweckraum. Stapelbare Stühle gibt es und ein Podium für eine Band oder einen Alleinunterhalter. Hier könnten Vereinsfeste gefeiert werden, ein Ehejubiläum oder ein runder Geburtstag. Das ist ein in seiner absoluten Nüchtern- und Schroffheit idealer Raum, um Alltagsbanalitäten, besondere Momente höchsten Glücksgefühls, Entsetzen und tiefe Trauer hervorragend zur Geltung zu bringen.

Und vor dem Hintergrund des gewählten Raums ist es ein guter Griff Baders, die Episode „Hochzeit“ als Klammer zu wählen für ihre Inszenierung: ein Bräutigam wird am Hochzeitstag „überführt“, mit allen Schwestern seiner Braut - und deren Zahl ist nicht unerheblich - etwas „am Laufen“ gehabt zu haben. Die Hochzeit platzt selbstverständlich und der düpierte Bräutigam übernimmt fortan die Conference des Abends. Ilja Harjes macht das charmant, wortlos, gestenreich und mittels musikalischer Einlagen. Und die fügen sich nahtlos ein ins Regiekonzept: es ist pure Lust anzusehen, wie das Ensemble zu „Tainted Love“ über die Bühne rockt.

Bader hat ein striktes Auge darauf, dass Komik nie in Klamauk umschlägt, weiß Ironie fein zu deuten und auch mal richtig „die Sau rauszulassen“. Sie hat ein Händchen für Zwischentöne und kann sich vor allem in jeder Minute auf ihre Schauspieler verlassen. Die müssen an diesem Abend in zig verschiedene Rollen schlüpfen. Alle dokumentieren Ensembletheater auf hohem Niveau und haben dennoch viel Raum für individuelle Profilierung.

Carola von Seckendorff versucht gleich zu Beginn verzweifelt einem Scheidungsgericht klar zu machen, warum sie sich nach langjähriger Ehe trennen will: „Es ist keine Liebe da“. Ulrike Knobloch in Trauerkleidung gelingt ein markantes Ausrufezeichen in einer der kürzesten Szenen. „Liebe reicht nicht“ verkündet sie knapp ihrem fassungslosen Partner und verlässt ihn. Gerhard Mohr wartet verzweifelt mit seiner Nachbarin auf die Rückkehr ihrer Ehepartner. Eindeutige Geräusche belegen zweifelsfrei den Grund der Verspätung. Und selbst da erweist sich Mohr als überaus gekonnter Verdrängungsdarsteller.

Wilhelm Schlotterer ist der Mann einer dementen Frau und seine Überforderung und Angst einerseits und gleichzeitig geschehende Glücksmomente verkörpert er bewegend. Das gilt auch für Regine Andratschke, die sich als alternde Hure immer weiter im Preis drücken lässt, aber von ihrem mittelosen Freier dennoch seine letzen Euros erpresst, um ihre Selbstachtung zu wahren. Sandra Bezler ist es vorbehalten, die Doppelbödigkeit vieler Szenen zu offenbaren. Sie ist diejenige, die vom Zauberkünstler zersägt werden soll. Hat er sie im Schlaf genommen und damit auch vergewaltigt? Oder wollte sie es gar? Bezler nimmt die Säge in die Hand und verkehrt Täter- und Opferrolle. Wer ist was? Diese Frage stellt sich auch in folgender Szene: Ein Lehrer hat einen seiner Schüler vor Mobbing während einer Klassenfahrt geschützt, ihn gar in seinem Zimmer schlafen lassen. Die Eltern vermuten Missbrauch. Joachim Foerster als Lehrer hält ein flammendes Plädoyer über mangelnde Elternliebe und pädagogische Zuwendung. Das macht Foerster überberzeugend und doch ambivalent. Hat er, oder hat er nicht? Die Frage bleibt offen.

Den perfekten Schlusspunkt setzen Christian Bo Salle und Andrea Spicher. Eine geistig und körperlich behinderte junge Frau ist schwanger. Und das zum wiederholten Mal. Auch jetzt will ihr Betreuer sie zur Abtreibung zwingen. Doch für sie ist es jetzt Liebe. Sie will das Kind behalten und setzt sich durch. Salle und Spicher sind grandiose Antipoden.

Am Ende dieses Abends bleibt nur eine Frage offen: Warum wurde Pommerats Text gekürzt? Anne Baders Inszenierung hätte locker auch über „die volle Länge“ getragen.

Die beiden Koreas haben in den letzten Wochen bewiesen, dass Annäherung möglich ist, auch aus ausweglos scheinenden Verhältnissen. Warum sollte das nicht auch für die Liebe gelten?