Don Juan im Theater Münster

Sex, Koks und Alk

Am Ende ein finaler Messerstich ins Herz, davor mehrere ins empfindliche Geschlechtsteil – so geht er zugrunde, „der größte Verführer der Menschheit“, Don Juan. Und schade um ihn ist es überhaupt nicht, konstatieren alle, die es mit ihm zu tun bekommen haben. Diese finale Schlussfolgerung haben Mozarts Don Giovanni und der Don Juan, den Patrick Marber nach Molière neu erzählt, gemeinsam. Für Marber ist Don Juan Teil einer sich stetig selbst zelebrierenden Partyszene. Seine Maximen sind Sex, Koks und Alkohol. Die Befriedigung dieser Lüste stehen für ihn an oberster Stelle. Cool und zynisch, so charakterisiert Marber seinen „DJ“. Die gemeinsten aller Gemeinheiten übertrifft er mit seinen nächsten Taten, witzig und komisch illustriert in den Dialogen. Doch merkwürdig: Schleichend „kippt“ die Handlung, wird zäh und zäher. Sprachlich bleibt‘s geschliffen, aber Marbers Gags wiederholen sich in ihrem Kern immer wieder. Der überdeutlich bebilderte Mord am Ende will zur Salonkomödie davor nicht recht passen. Denn darum handelt es sich im Grunde genommen bei Philipp Marbers Don Juan, dessen banales Leben durch ein allzu drastisches Ende deutlich überhöht wird. Mehr als ein Party-und Sexjunkie ist der nämlich wirklich nicht - und deshalb geht dem Stück im zweiten Teil dann leider sukzessive die Puste aus. Dieser Juan bleibt nicht bis zum Schluss interessant im Gegensatz zu Mozarts Don Giovanni, der mit seinem bewussten Leben gegen jegliche Regeln „Freiheit“ propagiert und eben tatsächlich so sophisticated ist, wie es Marbers Titelheld gerne wäre.

Marbers Komödie hatte jetzt als deutschsprachige Erstaufführung am Theater Münster Premiere. Bernhard Niechotz lässt einen „Laufsteg der Eitelkeiten“ von der Bühne in den Zuschauerraum des Kleinen Hauses ragen. Auf dem tummeln sich dann Don Juan, seine Party-Kumpanen und sein Diener Stani. Außerdem - immer noch im Brautkleid - DJ‘s angetraute Ehefrau Elvira und deren Brüder. Irgendwann taucht auch sein Vater auf. Alle wollen Erklärungen, Rechtfertigungen, Reue oder materielle Buße von Don Juan. Die kann oder will dieser nicht geben. Warum auch immer. Diese Frage beantwortet auch Regisseur Michael Letmathe nicht. Denn der ist klug genug, nicht tiefer in Marbers Figuren eintauchen zu wollen, als dieser es selbst getan hat. Letmathe bebildert eine Clubszene mit wummernder Musik, sehr merkwürdigen Figuren, die sich selbst nicht trauen und einem Titelhelden, der eigentlich nur Spaß will. Dadurch gibt er seinen Protagonisten den Freiraum, die gerade zu Beginn vor pointierter Komik sprühenden Dialoge voll auszukosten. Gegen die im Verlauf immer weiter sich ausbreitenden Längen kann er aber auch nicht wirklich etwas ausrichten.

Ein tolles Ensemble hat Letmathe zur Verfügung. Alle tauchen mit großem Spielvergnügen ein in die Story: Wilhelm Schlotterer als frustrierter Vater und Sandra Bezler als prolliger Profi des Oralverkehrs. Sandra Schreiber als die Ehefrau des Juan kann diesen nicht wirklich halten. Schreiber gelingt es aber auf das Feinste, aus ihrer Figur herauszukitzeln, wie sich eine befriedigte und zum Leben erwachte Libido auf das seelische Gleichgewicht auswirkt. Da schafft es Schreiber, Neidgefühle zu evozieren. Es macht einfach Spaß, ihr zuzusehen.

Stani hat seit vielen Jahren DJ den Rücken freigehalten, ihn gedeckt bei seinen Eskapaden - immer in der Hoffnung, das etwas abfallen möge für ihn: sei es ein Fick mit eine Frau oder eine Linie Koks. Louis Nitsche ist im wahrsten Sinne des Wortes ein herrlich hingebungsvoller Diener. Nie weiß man so genau, ob er dem Juan nicht auch körperlich Dienst erweisen möchte.

Jonas Riemer in der Titelrolle hat an diesem Abend tatsächlich die dankbarste Aufgabe. Er kann so richtig vom Leder ziehen, alles auspacken, was eine richtige „Hohlbirne“ ausmacht. Er kann mit Klischees spielen, über Leichen gehen. Denn auf Tiefe und Doppelbödigkeit hat Philipp Marber bei der Anlage seiner Figur verzichtet. Ein Theaterabend, in den Darsteller und Regieteam viel hineinlegen, der aber nicht zu überzeugen vermag.