Übrigens …

Drei Schwestern im Schauspielhaus Düsseldorf

Sieben Düsseldorfer Schwestern

Im fensterlosen, konischen Bühnenraum, umrahmt von Seekieferfurnier zieht ein Saugroboter seine Runden zwischen acht Holzhockern. Sieben Frauen zwischen 17 und 71 Jahren in unterschiedlichen Anzügen im schwarzweißen Holzfasermuster verteilen Unmengen Grünpflanzen auf der kahlen Bühne. (Holzart und Alter der Frauen verrät das Programmheft). Cool, fangen wir jetzt an?“ fragt die älteste von ihnen und lässt offen, womit anzufangen ist: mit dem Bühnenspiel? Der Party zu Irinas Namenstag, heute am 5. Mai? Oder gar mit dem Neu- Anfang auf der Suche nach Lebenssinn und Selbsterfahrung. Die Diskussion der Sieben umfasst schließlich das ganze Leben: „Wir kommen doch staunend auf die Welt! Das ist der Anfang.“

Um alle diese Anfänge geht es, wenn auch keiner zum guten Ende führt. Das Tschechow’sche Bühnenstück verliert sich bei der Co-Autorin Katharina Bill im ersten Akt und deutet das weitere Geschehen nur noch ganz knapp an. Zur Namenstagsparty kommt es auch nicht so recht, da die bei Tschechow mitspielenden Langweiler-Gäste „der Alexander, der Iwan, der Nikolai, der Wassilli und der Wladimir“, alles Militärs, sowie der Bruder Alexej, in der Düsseldorfer Version zwar erwartet werden, jedoch nicht wirklich erscheinen. Dafür funktioniert ihre flotte Aufzählung als wiederholter Gag, den das Publikum mit herzlichen Lachern quittiert. Vielleicht auch deshalb, weil diese Veralberung der unsichtbaren Männer den mutigen Tschechow’sche Ansatz, drei Frauen zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen, noch verstärkt.

Auch aus dem existenziellen Neu-Anfang wird zunächst einmal nichts. Bei Tschechow zieht sich die Sehnsucht nach dem lebensverändernden Ziel, der Rückkehr nach Moskau, als Metapher des Neuanfangs durchs Stück, bleibt aber unerfüllt. Ganz so hoffnungslos lassen Katharina Bill und die Regisseurin Birgit Lengers ihre Drei Schwestern in ihrer Neuinterpretierung nicht zurück.

Zunächst beschließen die Sieben auf der Bühne: „Bevor wir anfangen, sollten wir uns noch kurz vorstellen.“ Wir erfahren, dass sie die drei Schwestern des Andrej sind, dem allein ihr Vater, der vor einem Jahr verstorbene Brigadekommandeur Prosorow, das Haus in einem kleinen Provinz-Garnisonsstädtchen vererbt hat. In diese Einöde wurde die Familie vor elf Jahren durch die Versetzung des Vaters aus der Hauptstadt verschlagen. Dorthin sehnen sich die Drei Schwestern jetzt zurück in der Erwartung von Berufs- und Eheglück. Doch dann fallen „Stichworte“ wie GANDERPAYGAP, TEILZEITFALLE, EHEGATTENSPLITTING und ALTERSARMUT und holen die Problematik kurzerhand in die Gegenwart und in die Fragwürdigkeit als Glücksbringer.

Temperamentvoll und eindrucksvoll werden die drei Protagonistinnen präsentiert – mal einzeln, mal im Chor sprechend, mal singend, tanzend oder musizierend - von den sieben Darstellerinnen: Carolin Berkau, Luca Brankamp, Carl Brüggemann, Asli Bulat, Iris Droste, Charlott Lindecke und Alicia Nsukami. In schnellem Wechsel schlüpfen sie dabei in die Rollen der drei sich unterfordert fühlenden und aufbegehrenden Schwestern.

Da ist zunächst die Jüngste, Irina, die im Original auf Erfüllung in jeglicher Form von Arbeit hofft, in der Düsseldorfer Überschreibung allerdings schon einiges ausprobiert hat und auf alles gestresst und unterfordert reagiert. Dann Mascha, die Mittlere, die unglücklich mit einem dümmlichen Mann verheiratet, vergeblich Lebenssinn in einer Liebschaft mit einem anderen, verheirateten Mann sucht. Bei Katharina Bill darf sie nachsinnen über einen möglichen Vaterkomplex und das Klischee eines Sandwich-Kindes, ohne sich dadurch zu befreien. Schließlich ist da Olga, die Älteste, die es als Gymnasiallehrerin zur Direktorin schafft, aber darin nur einen „Gesellschafts-Care- Arbeits-Beruf“ sieht. Ihr Fazit: „Das System Schule bringt mich um!“

All diese selbstquälerischen Diagnosen des Ist-Zustandes entbehren nicht humorvoller Aspekte und ernten immer wieder Lacher oder gar Zwischenapplaus. Dazu werden sie mehrfach von Songs unterbrochen und von Live-Musik auf der Gitarre, Querflöte und Klarinette oder vom Summen der Anderen begleitet (Musik: Maika Küster). Dabei werden auch die wenigen Requisiten spielerisch eingesetzt: so dienen die Pflanzen mal als Hecke, hinter der man sich unsichtbar machen kann, mal als Raum-Deko oder gar als Maske. Auch die Holzkisten werden vom Hocker zum Laufsteg oder sogar zum Turm, auf dem sich die Sieben dekorativ bewegen.

Das Ganze gibt dem feministisch aufgemotzten Text des 1901 in Moskau uraufgeführten Tschechow-Stücks neue Vitalität. Die männerlastigen Dialoge wurden komplett gestrichen - bis auf zwei kurze Bemerkungen zur unpraktischen Entfernung des Bahnhofs, die Carl und Luca mit aufgemalten Schnäuzern vorbringen, und die von Iris gleich als „Stumpfsinn“ verdonnert werden.

Zum Schluss fassen die Sieben das trostlose Ende des Originals zusammen, in dem Tschechow alle Hoffnung auf zukünftige Generationen verschiebt. Doch sein Fazit: „Unsere Leiden werden sich in Freuden wandeln für jene, die nach uns Leben werden.“ akzeptieren die Düsseldorfer nicht. Da heißt es:„Stop! Wollen wir wirklich, dass das jetzt alles gleich passiert? HELL TO THE NO!“

Zwar wird auch hier die Traurigkeit der Welt noch einmal besungen mit dem Song „DWA SERDUSZKA“(Ich weiß nicht, wofür ich lebe) , doch dann öffnet sich die Rückwand und unter hellen Lichterketten verlassen die Schwestern den klaustrophobischen Raum. Sie streichen die voraussehbar öde Party mit der Tschechow’schen Männerwelt und fliehen entschlossen aller Lethargie und Resignation.

Das Ende bestimmt nicht Tschechows Verzagtheit, sondern der Optimismus des Oscar Wilde: „Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“Eine großartige Neuinterpretation eines 125järigen Textes, der damals wie heute die patriarchalen Strukturen der Gesellschaft dramatisiert, es aber unverkrampft zulässt, den heutigen Protagonistinnen eine ganz eigene Wucht zu geben und ein offenes, wenn nicht gar positives Ende zu setzen.

Das wahrhaft Erstaunliche an dieser Aufführung ist, dass diese großartig parlierenden, singenden, tanzenden, musizierenden Darstellerinnen - alle sieben - nicht professionelle Schauspielerinnen sind. Im Stadt:Kollektiv arbeitet ein professionelles Team mit Laien-Spielern, die für das jeweilige Projekt gecastet werden. Das Premierenpublikum spendete minutenlang jubelnden Applaus mit Standing Ovation.