Der Nussknacker im Theater Hagen

Schräge Erwachsenenwelt - süße Kinderträume

 

Im Theater Hagen hat schon das große Herzklopfen der Kleinen begonnen. Samstag war Nussknacker-Premiere. Da prangt ein gemalter Weihnachtsbaum. Schaukelpferd und Nussknacker stehen auf dem Gabentisch. Aber was für eine schräge Welt ist das, in die Claramarie und Fritz hineinwachsen sollen!?

In Schieflage sind Decken, Wände und Türen gerutscht wie auch die Bilder des holländischen Grafikers M. C. Escher. Riesige, windschiefe Stühle stehen um die lange Tafel. Vater, Mutter und die beiden Kinder lümmeln sich, und die Gäste vollführen oben drauf akrobatische Eskapaden. Alle sind schwarz-weiß gekleidet. Die Kostüme unterscheiden sich nur marginal in Schnitt oder geometrischen Mustern (Ausstattung: Petra Mollérus). Das sieht recht schick aus und wirkt ebenso grotesk wie das unnatürliche Gehabe. Da ruckt’s und zuckt’s, biegen und strecken sich alle, schneiden Grimassen. Die reinste Harlekinade ist das, zum Schluss gar mit neckischen Clownshütchen auf Glatzen und Dutts - eher eine Silvesterparty denn Weihnachtsabend-Festlichkeit.

Etwas kopflastig also fängt Ricardo Fernando E. T. A. Hoffmanns gespenstischen Surrealismus von Nussknacker und Mausekönig im ersten Akt ein. Die Poesie des „Königreichs der Süßigkeiten“ übertüncht er im zweiten Akt mit einem „Süßigkeitenland“ voller heutiger Naschereien. Fast alle Namen sind verändert, auch die im Divertissement der Charaktertänze. War das wirklich nötig? Fritz statt Franz, Claramarie (statt Klara wie bei Petipa oder Marie wie bei Hoffmann), Droßelmeier statt Onkel Drosselmeyer, Zuckerwatte statt Blumen(-walzer) und so weiter.

Immerhin geht’s kindlich kunterbunt zu im Naschparadies. Der Weihnachtsbaum steht groß und mächtig - zweidimensional und dick beschneit - hinter einer riesigen Geburtstagstorte mit neun Kerzen; Eiswaffeln, Lakritzschnecken und Bonbons drum herum. Droßelmeier (der schlanke, hochgewachsene Leszek Januszewski als charismatische Idealbesetzung), ein etwas unheimlicher Zauberer, schwingt seine langen Schwalbenschwänze und Beine um die Wette. Im elektrisch betriebenen Sperrholzschlitten fährt er Claramarie (sehr anmutig: Tiana Lara Hogan) und ihren Nussknacker-Prinzen (darstellerisch etwas steif, elegant im Pas de deux: Brendon Feeney) durch das Schneetreiben. Stramme Soldaten schlagen wuselige, quietschende Mäuschen (Kinder) in die Flucht. Die kehren aber unerschrocken als süße Bonbons zurück. Zuckerwatte fällt vom Himmel. Kaugummi (Péter Matkaicsek) und M&Ms tanzen – und erst das Baiser-Paar, das mit dem Prinzen einen veritablen klassischen Pas de trois mit Variationen auf die Bühne zaubert. Schnee- und Blumen- (alias Zuckerwatte-) Walzer gehören natürlich zu den Höhepunkten -  schon allein wegen der Musik, die das Philharmonische Orchester, unterstützt von einem sehr guten Kinderchor, unter dem neuen Ersten Kapellmeister David Marlow vorzüglich spielt.

Zur Musik der Apotheose steigen alle die Stufen der Tortenetagen hoch und bilden ein fröhliches Tableau. Abrupt  fällt der Vorhang. Zurück bleibt an der Rampe Claramarie, den hölzernen Nussknacker im Arm, und starrt auf die schwarze Wand: Aus der süße Traum….

Dass vorwiegend in Schläppchen getanzt wird, wirkt sehr natürlich und angemessen. Besondere Leckerbissen sind dennoch der Spitzentanz von Yoko Furihata (Baiser-Fee alias Zuckerfee) und Hayley Macri (Softeis im Arabischen Tanz). Mit klassischen hohen und weiten Sprüngen (wenn auch nicht ganz sauber)  beeindruckt Shinsaku Hashiguchi. Carolinne de Oliveira ist eine dynamische Mäusekönigin, Juliano Pereira ein für das Schaukelpferd etwas zu groß geratener, aber tänzerisch ansehnlicher Bruder Fritz. 

Sechs neue Mitglieder hat Ricardo Fernando für seine 14-köpfige Kompanie neu engagiert. Ergänzt durch vier Gäste, Statisten und ein Dutzend Kinder machen sie die Aufführung des Klassikers kindgerecht möglich. Das Premierenpublikum feierte alle mit stehenden Ovationen.