Archipel im Essen, Aalto-Theater

Von Tanzinsel zu Tanzinsel

Das choreographische Schaffen des Pragers Jiri Kylian gleicht einem eigenen Kosmos, das immer neue Inspiration und Ideen produziert. Im Essener Aalto-Theater, dem weltweit tätigen Ballettmacher seit vielen Jahren verbunden, erlebte ein fast volles Haus eine geballte Kylian-Hommage: Fünf ganz unterschiedlich temperierte Stücke, unter dem Titel Archipel zusammengefasst, demonstrierten die Meisterschaft, aber auch die komplizierten Fragestellungen dieses Choreographen, Jahrgang 1947, der u.a. in Stuttgart, in Amsterdam, in Prag, Salzburg oder auch in anderen Tanzhochburgen über 100 Werke für die Bühne herausbrachte. Zu sehen waren in Essen, dessen Ballett hochmotiviert und im Avantgarde-Bereich wie auch im klassischen Kanon beste Schule und hohe Motivation demonstrierte, folgende Stücke aus unterschiedlichen Schaffensphasen: Wings of Wax (Wachsflügel, 1997), 27´52 (2002), Petite Mort (Der kleine Tod, 1991), Sechs Tänze (nach Mozart-Musik, 1986) sowie das Filmfragment Birth-Day (2001, ebenfalls mit und nach Mozarts Kompositionen).

Den stärksten Eindruck in dieser opulenten und kompakten Stücke-Collage hinterließ das nach der Eröffnung mit den wächsernen Schwingen, die einen Ausflug ins Visionäre und Utopische erlauben, biographische Opus 27´52. Dazu passt eine Interview-Aussage Kylians: „Ich glaube nicht, dass ich eine Sprache geschaffen habe. Das ist doch ein Vorgang, der ein ganzes Leben dauert. Ich werde wohl niemals eine erschaffen, denn sie ist in ständiger Entwicklung und Bewegung.“ Und so dient allein dieses Stück, das genau 27 Minuten und 52 Sekunden zur perkussiven Musik des deutschen Komponisten Dirk Haubrich dauert und zum 25jährigen Bestehen des Nederlands Dance Theatres entstand, als Beweis für die Aussage des Choreographen: Er mischt die Stile, die Temperamente, die Sichten, de Perspektiven, die Kontraste, die philosophischen Fragestellungen – und verwirrt im ersten Moment. Im zweiten wird man gewahr, dass Kylian eben alle Tanz- und Körperfacetten benutzt, dass er aus Raum, Zeit, Figur, Klang und Licht ein magisches Programm auffächert – atemberaubend, überraschend, pointiert und poetisch selbst in größter dramatischer Gebärde. Tanz als Lebensbedingung, als Frage und Antwort, als Behauptung und Widerruf. Großartig, verstörend und sensationell gut verwirklicht von den Essener Tanzsolisten wie Mariya Tyurina, Denis Untila, Yanelis Rodriguez, Wataru Shimizu, Julia Schalitz und Yehor Hordiyenko.

Ganz anders die Umsetzung von Mozarts langsamen Sätzen aus den Klavierkonzerten KV 488 und 467 bei Petite Mort: ein getanzter Hymnus auf das Leben, auf das Glück, auf dessen Endlichkeit, ein Triumph des „großen“ und doch „kleinen“, aber immer lustbetonten Augenblicks. 12 Tänzer/innen sind im „vollen“ Einsatz.

In„Sechs Tänzen (Mozarts KV 571), die älteste Kylian-Inszenierung, wirbelt der Choreograph die klassischen Versatzstücke kräftig, mehrdeutig und assoziativ durcheinander. Ein Spaß, ein Jux mit Vokabeln und Begriffen, mit Mythen und theatralischer Frivolität – eine Augenweide, ein Gedankensystem. Dazu ein munterer „Krieg der Geschlechter“, wie Kylian selbst formuliert hat.

Wie gesagt: Essens Solisten sind ganz auf Kylians Höhe. Sie machen den Kosmos der Ideen wirklich und nachvollziehbar: als wundersames Welttheater aus dem Geist eines Einzelnen. Der Beifall für diesen wahrhaft „besonderen“ Abend über Kylians „Tanzinseln“, die sich zum Archipel verdichten, wollte kein Ende nehmen…