Der himmlische Spiegel im Theater Münster

Himmlische Lüste und höllische Qualen

Was prägt das menschliche Leben auf Erden zwischen Geburt und Tod? Münsters Tanztheaterchef Hans Henning Paar behauptet in seiner neuen Choreografie Der himmlische Spiegel: Himmlische Lüste und höllische Qualen. Er ließ sich von Hieronymus Boschs monumentalem, farbenprächtigen Triptychon Garten der Lüste vom Ende des 15. Jahrhunderts inspirieren. Die Haupttafel ist das erste wichtige „Wimmelbild" im Stil der späteren Niederländer wie der Breughel-Familie. Wer es sich im Internet herunterlädt, kann jedes Detail heranzoomen. Unfassbar - diese Vielfalt, Fantasie und Kunstfertigkeit irdischer Freuden und Leiden in der Mitteltafel, „Paradies" (auf Erden). Würdevoll dominiert den schmaleren linken Innenflügel das Ensemble Gott, Adam und Eva („Garten Eden"). Furchterregend fantasiert Bosch auf dem rechten Innenflügel über die Bedrohungen und Foltern in der „Hölle". Auf der Vorderseite der Seitenflügel stellt Bosch „Die Schöpfung der Welt bis zum dritten Tag", die Trennung von Wasser und Land auf dem Globus, dar.

Der Zuschauer darf also auf ein unterhaltsam buntes Spektakel gefasst sein. Aber im Gegensatz zu Nanine Linning, die 2015 in Heidelberg zum 500. Geburtstag des niederländischen Renaissance-Malers aus ihrer Heimat ihre opulente Hommage Hieronymus B. mit Nachbildungen einzelner Figuren und Details aus dem Gemälde optische Highlights im Bühnenbild setzte, konzentriert Paar sich völlig auf das physische und psychische Erleben der Menschen. Sein Ensemble setzt das Leben damals wie heute in braun-weiß marmorierten Ganzkörpertrikots um. Nur einmal deuten saftige, leuchtendrote Erdbeeren laszive Lust an, blitzt höllische Glut dunkelrot auf. Gott (Keelan Whitmore) und gehörntes Teufelchen (Charla Tuncdoruk) dirigieren und manipulieren Menschen. Über lange Stangen springen Peiniger, malträtieren wehrlose Opfer. Gasmasken tragen menschliche Ungeheuer oder imitieren Affen, Vögel, Urwald-Bestien. Unglaublich sind die Visionen des fantastischen Renaissance-Künstlers Bosch, eindrucksvoll die herausgeschälte Quintessenz des heutigen Choreografen und die akrobatisch-bizarre Bewegungsvielfalt, mit der er Boschs Legion gemalter Kreaturen zu Leben erweckt. Die Heutigkeit optischer und emotionaler Assoziationen fasziniert.

Ausstatterin Anna Siegrot schafft mit Videodesigner Sven Stratmann ein betörend poetisches Ambiente mit grandiosen Lichteffekten und wenigen Accessoires: die Erdkugel, auf der es blubbert und brodelt, wenn Wasser und Schlamm um die Vormacht ringen, mutiert zum flachen Spiegel. Später fangen sich Menschen in transparenten Bällen, Halbschalen, tragen spitze Plastiktüten oder Cluster weißer Luftballons. Nachdem anfangs drei Vorhangschleier hochgefahren sind und aus der rauen Erdkruste Berge wuchsen, beginnt das menschliche Gewimmel und Gewusel unter ätherisch schwebender Voiledecke, durch die schemenhaft Geister schweben.

Aus dem Orchestergraben tönt das konzentriert aufspielende Sinfonieorchester Münster unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg in der Auftragskomposition des Mainzers Pierre Oser mal lautmalerisch, mal hinreißend melodiös oder auch mit viel Blech und Schlagwerk protzig theatral. Im Nu sind die achtzig Aufführungsminuten vergangen.