Übrigens …

In der Endlos-Schleife

The Sinking of the Titanic hieß das Konzertprojekt, das die Bochumer Symphoniker im Rahmen der Ruhrtriennale 2013 in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord präsentierten. Zwei Kompositionen von Gavin Bryars umklammerten das Stück Requies von Luciano Berio.

Sowohl bei The Sinking of the Titanic als auch bei Jesus’ Blood Never Failed Me Yet arbeitet Gavin Bryars ähnlich: eine Melodie wird in einem Loop zu wechselnder orchestraler Begleitung scheinbar endlos wiederholt. Bei The Sinking of the Titanic sind vornehmlich Bratschen und Celli für die Melodie zuständig, die sich nach einer kreischenden, blechernen Dissonanz leise aus dem Orchester erhebt. Nach der Kollision mit dem Eisberg beginnt das Sinken. Bryars lässt Interview-Schnipsel von Überlebenden der Katastrophe oder Grillenzirpen einspielen. Über allem schwebt die kleine Melodie, von der man zwischendurch den Eindruck hat, auch sie sinke im Laufe des Spielens ein wenig. Bryars lässt den Musikern viel Spielraum. Innerhalb eines festgesteckten Zeitplans können sie unter verschiedenen Materialien auswählen, was sie spielen. Dadurch klingt jede Aufführung anders. Die Bochumer Symphoniker brauchen unter der sparsamen Leitung von Dirigentin Anu Tali etwa 45 Minuten. Es ist erstaunlich, wie gut sich die einzelnen Instrumentengruppen und Soundschnipsel bei aller Improvisation zusammenfügen. Ausgesprochen irritierend ist allerdings, zu spüren, wie hypnotisch, fast beruhigend die Musik auf die Dauer wirkt, obgleich es sich bei dem beschriebenen Untergang eindeutig um ein katastrophales Ereignis handelt.

Ähnlich meditativ wirkt Jesus’ Blood Never Failed Me Yet, das die Bochumer Symphoniker ebenso konzentriert spielen wie das Eingangstück. Endlos wiederholt sich hier der kurze, brüchige Gesang eines Obdachlosen, den Bryars 1971 in London aufnahm. Sensibel unterlegt Bryars den Gesang mit einer Orchesterbegleitung, die in ihrer instrumentalen Besetzung immer facettenreicher und differenzierter wird. Damit wird das Stück nicht nur von Sekunde zu Sekunde intensiver. Dem Zuhörer bleibt auch genug Zeit, seine Ohren zu trainieren, um alle Klänge, die ihn umgeben, wahrnehmen zu können. Anu Tali balanciert den Orchesterklang dafür feingliedrig aus, lässt ihn behutsam anschwellen und gestaltet ihn dennoch transparent genug, so dass selbst markante Instrumente wie die Röhrenglocken hörbar sind und dennoch nicht hervorstechen.

Luciano Berios etwa 15minütiges Requies hat es schwer, sich gegen die Kompositionen von Bryars zu behaupten. Sein Stück schillert zwar vielfarbig, doch entfaltet es keine so unmittelbar spürbare Sogwirkung wie die Musik von Gavin Bryars. Gleichwohl spielen die Bochumer Symphoniker auf durchgängig hohem Niveau. Überhaupt gelingt dem Orchester mit Anu Tali ein ebenso intensiver wie ungewöhnlicher Konzertabend, der in der atmosphärischen Gebläsehalle denkbar gut aufgehoben war. - Andreas Meyer