Mit dem Thespiskarren unterwegs

von Dietmar Zimmermann

Mittwoch, 15.40 Uhr. Der betagte Reisebus des Rheinischen Landestheaters Neuss fährt am Hintereingang des Theaters vor. Ich werde heute zu den Fahrgästen zählen. Mich interessieren die besonderen Herausforderungen für ein Ensemble, das regelmäßig auf Gastspielreisen geht und seine Inszenierungen immer wieder an andere Verhältnisse anpassen muss - an Mini-Bühnen, an Räume mit schlechter Akustik und suboptimaler Technik. Mich interessiert, welche Qualitätseinbußen das Theater hinzunehmen bereit ist, um seine Inszenierungen auch „in der Provinz“ zeigen zu können, und wie die Schauspieler mit den zusätzlichen Reise-Strapazen umgehen. Erst wenn man bei einem Tourneetheater gearbeitet habe, wisse man, was Theater bedeute, hatte mir die Schauspielerin Sabine Weber einmal gesagt. - Nun, so ein richtiges Tourneetheater ist das RLT Neuss nicht, und Radevormwald ist nicht weit. Im dortigen Bürgerhaus, auf einer der kleinsten Bühnen  des Landes, wird heute eine der großen Produktionen des Neusser Theaters gezeigt: William Shakespeares Othello, Regie: Mario Holetzeck.

On the Road Again - seltener als früher

15.50 Uhr: Othello und Jago schlendern die Treppe hinunter zum Parkplatz, „Annika von der Requisite“ sitzt schon im Bus und begrüßt mich freundlich. Mit Victoria Gurdon hat mir das Theater, das die Idee einer Reisereportage charmant findet, eine FJS’lerin zur Seite gestellt, auf dass ich im wilden (Radevorm-)Wald nicht verloren gehen und ab und zu einen Ansprechpartner für meine Fragen finden möge. In der Realität nimmt sich vor allem Christina Schumann meiner an, die sich als „die Souffleuse“ vorstellt - eine sympathische, gelassene Frau, die die Seele der Kompanie zu sein scheint und nicht nur die Souffleuse, sondern auch die Gastspiel-Referentin des Hauses ist. Nebenbei stellt sie mal eben eine Instagram-Story über unseren Ausflug ins Netz.

16.00 Uhr. Zeit für die Abfahrt. Doch: „Halt, der Musiker fehlt.“ Johannes Still hat sich mit dem eigenen PKW auf ins Bergische Land gemacht, aber keiner weiß Bescheid. Ein Anruf auf dem Mobile Phone, und unser Thespiskarren setzt sich in Bewegung. Es dauert nicht lange, und wir stehen im Stau. Es ist Rush Hour… - Aber noch ist nicht die Zeit für intensive Gespräche. Christina Schumann macht schnell ein Foto vom Rezensenten für ihre Instagram-Story und steht dann auf. „Ich muss arbeiten“: Text-Training mit Othello - im Reisebus auf der Autobahn. Bestimmte Dialoge, einige Monolog-Passagen werden noch einmal eingeübt, damit Andreas Spaniol drei Stunden später seine neue Identität verinnerlicht hat. Jago Michael Meichßner ist ins Textbuch vertieft. Schräg hinter mir hört Cassio Philipp Alfons Heitmann per Kopfhörer Musik. Jeder konzentriert sich auf seine Weise auf die anspruchsvolle, mit 160 Minuten für ein Gastspieltheater ungewöhnlich lange Aufführung. Aber die Schauspieler strahlen große Ruhe und Gelassenheit aus: Die Neusser sind im April gleich zehnmal mit verschiedenen Produktionen auf Reisen, im März waren es neunmal. Da wird das Reisen zur Routine. Welch ein Wonnemonat ist der Mai: nur drei auswärtige Gastspiele.

Die Anzahl der Abstecher habe sich im Verlauf der letzten zwanzig Jahre deutlich reduziert, berichtet der Neusser Chef-Dramaturg Rainar Ortmann. Die Einsparungen im Kulturbereich treffen die kleinen Gastspielorte ebenso wie die großen Bühnen, und manche Kleinstadt hat den seriösen Theaterbetrieb inzwischen ganz zugunsten von Comedy- und Kleinkunst-Programmen und massentauglicher Alltagsware aufgegeben. Gespielt wird teilweise in Mehrzweck- oder gar Turnhallen; auch bei der Technik gibt es in vielen Städten einen Sanierungsstau. Obwohl die Veranstalter nur 50 % der Gastspielkosten tragen - die andere Hälfte wird im Rahmen der Abspielförderung vom Kulturbüro NRW übernommen -, leiden die Kulturprogramme der Städte unter großen Qualitätsproblemen, und ein sich in hohem Maße über Gastspiele finanzierendes Haus wie das RLT steht unter dem Druck, den eigenen Kunstanspruch mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen.

Die Neusser Noch-Intendantin Bettina Jahnke habe den Spagat zwischen Qualitätsanspruch und Massentauglichkeit stets gut bewältigt, meint Ortmann, und tatsächlich sind unter Jahnkes Leitung in den letzten Jahren künstlerisch hochwertige, anspruchsvolle Produktionen entstanden, die sich in der Provinz nicht immer gut verkauften: Ibsens Baumeister Solness (theater:pur-Besprechung siehe hier) oder - besonders krass - Schimmelpfennigs Peggy Pickitt sieht das Gesicht Gottes (theater:pur-Besprechung siehe hier) seien als Extrem-Beispiele für großstädtisches Theater genannt, das in der Provinz nicht reüssierte. Aber auch bei den Cash Cows legen die Neusser Wert auf genaue, künstlerisch hochwertige Arbeit: Immer wieder werde ich heute auf den grandiosen Erfolg von Rio Reiser (theater:pur-Besprechung siehe hier) angesprochen, der den Schauspielern genauso viel Spaß macht wie dem Publikum. Erfreulicherweise hat die vom Land finanzierte Untersuchung einer Unternehmensberatung bei einer Befragung von Veranstaltern und Zuschauern in mehr als 20 Gastspielorten ergeben, dass die Akzeptanz gerade der anspruchsvollen Stoffe bei den vier nordrhein-westfälischen Landesbühnen sehr ausgeprägt sei. Die Unternehmensberatung erarbeitet gemeinsam mit den Landestheatern Vorschläge für eine Effizienzsteigerung im Hinblick auf die Logistik, eine stärkere Zusammenarbeit im nicht-künstlerischen Bereich sowie im Hinblick auf den Ausbau theaterpädagogischer Programme, die die Verjüngung der Publikumsstruktur zum Ziel haben.

Der Kulturkreis von Radevormwald

In Radevormwald gibt es dieses Qualitätsproblem bislang nicht. Sowohl der Neusser Dramaturg Reinar Ortmann als auch Michael Teckentrup vom ausschließlich ehrenamtlich arbeitenden Kulturkreis Radevormwald schwärmen von der herausragenden Zusammenarbeit beider Institutionen. Das RLT sei so etwas wie das „Stadttheater von Radevormwald“, bestätigen beide; die Stadt Radevormwald ist Mitglied im Trägerverein des Theaters. Tatsächlich stehen in dieser 69. Spielzeit des 1949 gegründeten Kulturkreises sieben Inszenierungen des Rheinischen Landestheaters und drei Inszenierungen des WLT Castrop-Rauxel auf dem Programm, die von einer Inszenierung der Komödie am Kurfürstendamm, zwei lokalen Theatergruppen und ein wenig Kabarett und Comedy ergänzt werden. Gastspiele von Götz Alsmann, Fritz Eckenga oder Lisa Fitz, für die der Kulturkreis auch schon mal mit der Stadthalle Wuppertal oder dem Teo-Otto-Theater Remscheid kooperiert, erweisen sich als die Kassenfüller. Doch für eine Stadt mit 24.000 Einwohnern gibt es im Bürgerhaus ein eindrucksvolles Programm, auch wenn die Abhängigkeit von einem einzigen Haupt-Lieferanten ein wenig überrascht. Früher habe man häufiger mit dem Schauspiel Wuppertal zusammengearbeitet, sagt Michael Teckentrup, aber die seien inzwischen zu teuer geworden. Da ist es wieder, das leidige Thema Geld für die Kultur.

Fremd ist in der Fremde nur der Fremde

17.30 Uhr. Ankunft am Bürgerhaus Radevormwald. Die Bühnenarbeiter des RLT sind schon seit zwei Stunden vor Ort. Wir betreten das Haus durch den Bühneneingang. Nach ein paar Stufen stehen wir auf den Brettern, die die Rader Welt bedeuten. Sie sind nicht nur eine Mini-Ausgabe der Neusser Spielstätte, sondern das Theater hat noch eine andere Besonderheit: Zwischen den Parkettreihen gibt es aus Sicherheitsgründen gläserne Abtrennungen, die zur Folge haben, dass sich die Schauspieler bei abgedunkeltem Saal selbst im Spiegel sehen. „Das irritiert im ersten Moment“, sagt Joachim Berger, der nicht nur in Othellos Venedig den Dogen spielt, sondern auch in Neuss der erfahrene Doyen des Theaters ist, und fährt selbstironisch fort: „Aber wir sind ja Schauspieler; wir sehen uns ja auch zu Hause gern im Spiegel.“ Für manche Produktionen gebe es schon eine Untergrenze bei der Bühnengröße, sagt Reinar Ortmann, aber Neuss kennt seine Kunden. Manchmal, so hatte Christina Schumann mir verraten, klebe man bei den Proben in Neuss die Maße der Bühne aus Radevormwald ab, um sicherzustellen, dass die jeweilige Produktion auch dort, auf der meist kleinsten Spielfläche der Tournee, funktioniere. Für die jährliche Shakespeare-Produktion, die während des Shakespeare-Festivals im Globe-Theater gespielt wird, gelten besondere Bedingungen. Der Othello müsse für die beiden Aufführungen im Globe wohl komplett überarbeitet werden, erwartet Ortmann.

Fremd ist in der Fremde nur der Fremde. Die Tücken von Radevormwald sind dem Team bekannt. Wie ich acht Tage später in Neuss sehen werde, ist gleich zu Beginn der Aufführung ein virtuoser Kampf des Jago mit dem Vorhang vorgesehen. Michael Meichßner probiert aus, wie das auf der Rader Mini-Bühne geht, und erkennt sofort: „So wie bei uns können wir das nicht spielen. Dann mach‘ ich halt ‘ne Comic-Nummer draus.“ In Neuss werde ich Nebel, farbige Lichteffekte, funkelnde Kostüme erleben; wenn beim Ausbruch des Zypern-Krieges die Alarm-Sirenen schrillen, wird das Licht gedimmt und Sound und Nebel evozieren Bilder vom Krieg, von Pulverdampf und von Staub nach Bombeneinschlägen. Das geht in Rade nicht so eindrucksvoll, aber der Wirkung tut das keinen Abbruch. Der Stimmung im Team auch nicht: Die Atmosphäre vor der Aufführung ist spielerisch; Nervositäten wegen der veränderten Bedingungen kennen die Akteure nicht. Spontan üben Meichßner, Spaniol und „Roderigo“ Stefan Schleue eine Fecht-Szene mit Billiard-Queues, und dann sinnieren Meichßner und Schleue, wo sie „die Desdemona ablegen“. Das alles wirkt locker, routiniert, unaufgeregt - bis Berger die Frage aus dem Bus wiederholt: „Wo ist der Musiker?“

Leichte Nervosität kommt auf. Der Unwägbarkeiten sind halt viele bei einem solchen Gastspiel. Der Musiker steht im Stau; in einer Viertelstunde sei er da, meldet Johannes Still per Handy. Tatsächlich schlurft er zwanzig Minuten später auf die Bühne. „Ein Musiker, ein Musiker“, witzelt noch eines der Ensemble-Mitglieder, und dann betritt wie eine Erscheinung Joachim Berger im langen braunen Dogen-Mantel die Bühne und beginnt zu singen: „In diesen heil’gen Hallen / Kennt man die Rache nicht / Und ist ein Mensch gefallen / Führt Liebe ihn zur Pflicht.“ Es wird ganz still im aufgekratzten, erwartungsfrohen RLT-Team: Berger fängt mit seiner Ausstrahlung, seiner Stimme und seinem Mozart sogar die Kollegen ein, die seit inzwischen acht Jahren mit ihm im Neusser Ensemble zusammenarbeiten.

Tontechnik und Bühnenbild

Später, in der Aufführung, wird der kritische Rezensent den Eindruck gewinnen, dass der Pianist im Verhältnis zu Bergers volltönender Stimme ein wenig zu leise spielt. Berger hatte dies während der Bühnenprobe hinterfragt, doch niemand hatte Einwände erhoben. Ob die beiden das dann spontan selbst erkannt und verbessert haben oder ob der Tonmeister Fredo Helmert eingeschritten ist, bleibt ihr Geheimnis. Aber Helmert wartet mit einer Überraschung für mich auf: Bislang hatten mir alle bestätigt, eine gute Auswahl für mein persönliches RLT-Gastspiel getroffen zu haben. Der Transfer einer großen Produktion auf eine kleine Bühne sei sicher einer der interessantesten Aspekte für meine Reportage. Auf die Herausforderungen für Bühnen- und Tontechnik angesprochen, antwortet Fredo Helmert: „Ach, das hier ist ja nur eine ganz kleine Produktion.“ Bei komplizierten Aufführungen wie Rio Reiser sei er ca. sechs Stunden vor Beginn der Aufführung vor Ort; hier genügen ihm zwei. Aus seiner Sicht ist Othello eine Petitesse: wenig Musik, wenig Soundeffekte. Sicher werde er während der Aufführung ein wenig nachjustieren müssen, aber hierfür seien die Bedingungen in Rade ideal, da er im Parkett sitze und das Gleiche höre wie das Publikum. In anderen Spielstätten sitzt er in der Regie- und Technik-Kabine oder gar in einer Nische neben der Bühne; da ist die Arbeit schwieriger. Im Othello gibt es Szenen, die mit Hall unterlegt werden - dafür fehlt in Radevormwald die Technik. Auch kann man keinen 360°-Sound herstellen, aber den einen oder anderen Trick hat Helmert sich einfallen lassen und die komplette Aufführung bereits programmiert. - Auch das monumentale Bühnenbild, das Juan León für die Inszenierung gebaut habe, sei relativ leicht an veränderte Gegebenheiten anzupassen, sagt Reinar Ortmann. Der im Jahr 2000 eröffnete Neubau des Theaters in Neuss verfügt weder über eine Drehbühne noch über eine Hydraulik zur Versenkung des Bühnenbildes noch über elektronische Züge. Damit werde verhindert, dass Regisseure sich in eine Technik verlieben könnten, die bei Gastspielen nicht funktioniere.

Die Inszenierung

19.00 Uhr. Die Stückeinführung von Reinar Ortmann ist spannend. So einfach, so strukturiert, so packend kann man also den Othello zusammenfassen. Später werden wir erleben: So einfach, so strukturiert und so packend kann man den Othello auch spielen. Ortmann berichtet vom Pessimismus in Shakespeares Spätwerk, von der latenten Aggression in der venezianischen Gesellschaft, von der widerwilligen Duldung von Othellos Hochzeit, vom rauen Klima auf der Military Base Cyprus. Die Tragödie handele von Außenseitertum und Fremdheit - ebenso wie Der Kaufmann von Venedig. Beide Stücke spielen am gleichen Ort: Venedig war im 16. Jahrhundert Kolonialmacht, die Stadt wuchs und konnte Außenseitern und Ausländern Aufstiegsmöglichkeiten bieten, die ihnen anderenorts versagt blieben. Prompt blieben ethnische Konflikte nicht aus. - Dann kommt Ortmann auf die Geschichte des Blackfacing zu sprechen: von der kolonialen Tradition in den amerikanischen Südstaaten, die Bösen schwarz zu zeigen, von Kritiker- und Zuschauer-Protesten, als die Rolle des Othello und anderer farbiger Figuren erstmals von schwarzen Schauspielern gespielt wurden (die Rollen seien doch für weiße Schauspieler geschrieben worden, hieß es in einschlägigen Kreisen!), von den - teilweise verkrampft anmutenden - Bemühungen, das heute verpönte Blackfacing zu vermeiden. In Neuss habe man eine überraschende Lösung gefunden, das Außenseitertum darzustellen.

19.30 Uhr. Die Lösung ist frappierend. Andreas Spaniols Othello ist ein Albino: extrem blass, aber nicht verfremdend geschminkt, mit weißgrauer Perücke. Ein interessanter Typ. Das sieht der Doge anders: „Du Missgeburt, du Karussell aus fehlerhaften Genen, Drecks-Albino, Abschaum der Gesellschaft, widerliche Kreatur“, beschimpft er ihn - zuerst, als er erfährt, dass Othello Desdemona geheiratet hat, dann, als er erfährt, dass Othello Desdemona des Betrugs verdächtigt. Regisseur Mario Holetzeck und Dramaturg Ortmann haben den Konflikt zugespitzt, indem sie den Dogen zu Desdemonas Vater erklärt haben. Sie benutzen die moderne Übersetzung von Marius von Mayenburg, die den Aspekt der Fremdenfeindlichkeit betont und die latente Aggression in der Gesellschaft so ausstellt, dass der Zuschauer den Transfer zu Fremdenfeindlichkeit und Aggression in unserer heutigen Welt bewältigen kann, ohne dass die Aufführung aus ihrem historischen Kontext gelöst wird. Ein paar Mayenburg-Texte sind eingebaut; ansonsten wird der Plot auf die Figuren reduziert, die von Jagos Intrigenspiel betroffen sind. 

Trotz der Dauer von zwei Stunden 45 Minuten haben Holetzeck und Ortmann aus dem Text eine schnelle, rasante Strichfassung gebastelt. Mayenburgs spannende, flüssige Übersetzung ist zwischen Klassik und heutiger Umgangssprache perfekt austariert. Sogar der noch in den gelungensten Inszenierungen sich elend lang hinziehende, zum Fremdschämen banale Streit um das „verlorene“ (zum Zweck der Intrige entwendete) Taschentuch ist geschickt verkürzt und über diverse Auftritte verteilt. Holetzeck setzt auf Bilder und Atmosphären, wobei die meist live gespielte, teilweise auch aus der Retorte kommende Musik eine wesentliche Rolle für die emotionale Rezeption der Aufführung spielt. Diese Musik ist nicht auftrumpfend, sondern sie hat eine dienende Funktion: Im Verein mit der Lichtregie und den gelungenen Tempowechseln beschert sie der Inszenierung eine filmische Atmosphäre und damit bei aller Intellektualität eine emotionale Wirkung. Dabei wirkt die Aufführung nicht eigentlich aggressiv, sondern fast harmonisch, auf jeden Fall wie aus einem Guss. Für die latente Aggression ist Jago zuständig - und der ist eine Wucht.

In der Auftakt-Szene ist Karneval in Venedig. Karneval, das weiß man nirgends besser als im Rheinland, ist die Zeit der Intrigenschmiede. „In diesen heil’gen Hallen / Kennt man die Rache nicht“? Nichts anderes hat Jago im Sinn als sich zu rächen: dafür, dass Othello ihm Cassio bei der Beförderung zum Leutnant vorgezogen hat. Sein Hass auf den „Mohren“ wird dadurch ins Unendliche gesteigert. Michael Meichßner kennzeichnet seine Figur vom ersten Moment an als miesen Intriganten mit hohem Selbstbewusstsein, herausragender Intelligenz und mediokrer sozialer Kompetenz. Ob es der Doge ist oder die Liebe zwischen Othello und Desdemona - Jago karikiert sie, nimmt sie mit menschenverachtender Ironie auf die Schippe. Fasziniert beobachten wir, wie beiläufig Jago beim unbefangenen Billiard-Spiel die Eifersucht Othellos auf Cassio weckt. Wenn es ihm opportun scheint, agitiert er - auch unter Zuhilfenahme des Publikums: „Sie“, deutet er auf einen Herrn in einer der vorderen Reihen (und das Saallicht geht an): „Sie hassen den Schwarzen doch auch. Seine dunkle Haut, die weißen Haare … Macht nichts, ich hasse ihn auch.“ Atemberaubend ist seine versteckte Selbstbeschreibung, als der Doge ihn fragt, wer Othello den Verdacht von Desdemonas Untreue in den Kopf gesetzt habe: „Vielleicht ein intrigantes Schwein, ein manipulativer, heimtückischer Kriecher, der sich irgendeinen Posten erschleichen will …“. Manipulativ und heimtückisch ist er selber, ein Kriecher ist er nicht: Er ist der Impresario, der im venezianischen Intrigenspiel die Strippen zieht. Er inszeniert sich als Magier und Mephisto. Zum Triumphator wird er jedoch nicht - und dass es dem Rezensenten sowohl in Neuss als auch in Radevormwald am Ende die Kehle zuschnürt, als dieser Widerling vor den Trümmern seiner Existenz steht, liegt am perfekten Zusammenspiel von Schauspiel und Musik.  

Wie Jago wird auch Othello später die Zuschauer bei vollem Saallicht direkt ansprechen. Andreas Spaniol spiegelt dem Publikum das Verhalten und die Vorurteile unserer Gesellschaft gegenüber Außenseitern und Flüchtlingen, und er benutzt die gleichen Worte wie der Doge: Freak, Monster, Missgeburt. „Warum hat der Wäsche an und kein Fell?“ Spaniol gelingt ein furioses Solo, das beginnt mit einem Anflug von Selbstmitleid und schnell umschlägt in Kampfgeist, Widerspruch und den Versuch, zu altem Selbstbewusstsein zurückzukehren. Andreas Spaniol steht Meichßner an kraftvoller Ausstrahlung nichts nach.

Juliane Pempelfort gibt eine vordergründig unauffällige Desdemona. Doch womit fällt sie anderenorts auf? Mit unzeitgemäßer Mädchenhaftigkeit, Anschmiegsamkeit und Unterordnung. Pempelfort dagegen gibt ihre Desdemona nicht als scheues Reh, sondern als ruhige und emanzipierte Frau von heute: „So wie meine Mutter Dich ihrem Vater vorzog, so stehe ich zu meinem Ehemann“, tritt sie ihrem Vater entgegen. Elegant verbindet sie diese Selbstsicherheit mit der Betonung des Respekts für ihren Vater. Einfühlsam, aber ohne jeden Kitsch wird ihre Weiblichkeit inszeniert: Auf der Siegesfeier nach gewonnenem Zypernkrieg wirkt sie wie die kesse Besucherin eines Dorffestes. Wunderschön ist das Bild, in dem sie arglos auf dem Schoß von Cassio und Jago liegt, eine pervertierte Pietà heimlicher Todfeinde auf dem Billiard-Tisch, in warmem Spotlight, so wahr für Desdemona, so falsch für Jago, so verräterisch für Cassio. Othello dagegen kaut bereits im Hintergrund an seiner Eifersucht. Fassungslos wird Desdemona später den schäumenden Attacken ihres Gatten gegenüberstehen und mehr an Vorwürfen, Beleidigungen und körperlichen Angriffen ertragen als es der schlimmsten Verbrecherin zumutbar wäre: Sie kann schlicht nicht glauben, was ihr widerfährt. Pempelfort spielt das und erträgt das, ohne jemals in die Unterwürfigkeit oder Unemanzipiertheit eines kleinen Mädchens zu verfallen - ein großartiger Balanceakt.

Stefan Schleue gibt den Roderigo als kraftvollen, aber sich seiner intellektuellen Unterlegenheit bewussten abgewiesenen Liebhaber Desdemonas, der sich ausgerechnet von Jago in der Liebe leiten lassen will. Als er Desdemona endgültig verloren hat, gelingt ihm eine wunderbare, schön choreographierte Besoffenen-Szene, so wie er auch sonst mit feinem Gefühl die Balance zwischen Kraft, Dümmlichkeit und Liebessehnsucht findet. 

Nach der Pause eskaliert die Handlung immer mehr - nicht nur, weil Shakespeare das so gewollt hat, sondern weil die zuspitzenden Eingriffe von Regie und Dramaturgie in die Beziehungen der Personen untereinander und in ihre Charaktereigenschaften nun eine Spannungs-Dividende abwerfen. Wir verraten nix - Sie werden staunen. „Tod ist ein langer Schlaf“ singt Joachim Berger vor den Mord-Szenen, und Jago, Othello und Cassio singen den Haydn-Kanon mit. Berührend gerät das letzte Gespräch zwischen Desdemona und ihrem Gatten und Mörder. Sie, Cassio, Roderigo, der Doge - das Morden geht schnell voran. Es ist der 15. oder 16. Othello, den ich sehe, doch ich halte den Atem an. Mario Holetzeck hat einen sagenhaft spannenden Krimi inszeniert. Einen Kultur-Krimi. „My breast can hardly breathe“, singt der Doge kurz vor seinem Tod: „Let me, let me freeze to death.“ Noch lächelt Michael Meichßner dazu ein so gemeines Lächeln wie es nur wenige Schauspieler können. Noch. In wenigen Augenblicken wird ihm das Lächeln vergangen sein.

Erstmal entspannen?

22.10 Uhr. Standing Ovations für eine der stärksten Inszenierungen, die das Rheinische Landestheater in den letzten Jahren im Repertoire hatte. Als ich Michael Teckentrup diese Einschätzung im Vorübergehen zurufe, nickt er nur: „Die sind immer so.“ Einige Rader Zuschauer, die den kurzen Dialog gehört haben, stimmen dem zu. Liebe ist doch etwas Schönes, und wie selten ist es, dass die Liebe heute noch dem Theater gilt… Als Stefan Schleue wenige Minuten später neben dem Bürgerhaus eine Entspannungs-Zigarette raucht, kommt ein älteres Ehepaar auf ihn zu und bedankt sich für diese herausragende Inszenierung und die vielen anderen tollen Gastspiele. Knapp dreißig Minuten nach dem Ende der Aufführung sind Bühnenbild, Requisiten und Technik bereits zu einem großen Teil abgebaut und werden im LKW verstaut.

Im Bus frage ich Andreas Spaniol, ob er nun „geschafft“ sei. „Geschafft, aber irgendwie auch hellwach“, antwortet er. Kürzlich habe man den Othello in Boppard gespielt; da sei man erst mitten in der Nacht wieder in Neuss angekommen. Das schlauche dann doch sehr, und wenn man am nächsten Tag wieder proben müsse, sei man noch extrem müde. Ein größeres Problem hätten aber die Regisseure: Die vorgeschriebenen Pausenzeiten betragen elf Stunden, und da sei bei häufigen Gastspielreisen ein geregelter Probenbetrieb kaum möglich. Regisseur Holetzeck sei zu Beginn an Spaniol verzweifelt, da dieser wegen häufiger Gastspielverpflichtungen in den ersten Probenwochen kaum zur Verfügung gestanden hebe. Philipp Alfons Heitmann weist darauf hin, dass die Gastspiele auch körperlich fordernd seien. Nebenprogramme wie Schauspieler-Lesungen müssten eingeschränkt werden. Heitmann ist mit einer Schauspielerin vom Düsseldorfer Schauspielhaus verheiratet und vor wenigen Wochen Vater geworden. In diesem Zusammenhang sieht er überraschenderweise im unregelmäßigen Betrieb des Schauspieler-Berufs auch Vorteile: „Man ist nicht acht Stunden angeknipst.“ Die Kinderbetreuung könne man flexibel arrangieren.

Eine andere überraschende Aussage von Heitmann bleibt nicht unwidersprochen: „Publikum ist Publikum“, behauptet „Cassio“ - und schränkt das gleich ein. Manchmal sei die Erwartungshaltung der Zuschauer von Ort zu Ort recht unterschiedlich. Im Weserbergland habe man kürzlich bei den Physikern die Sofa-Atmosphäre vermisst - ein typisches Argument eher theaterunerfahrener und wenig experimentierfreudiger Zuschauer und Kritiker. Reinar Ortmann erinnert sich, dass das Publikum bei einem Gastspiel in Hessen nicht einmal den Humor beim Dauerbrenner Rio Reiser erkannt habe. Auch Andreas Spaniol weiß zu berichten, dass manche Aufführungen in Abhängigkeit vom Gastspielort auf extrem unterschiedliche Resonanz stoßen. Es gebe tatsächlich immer noch Orte, in denen man auf der Bühne einmal das Wort „Arschloch“ benutze, und schon verließen einige Menschen türenschlagend den Raum. Aber auch Spaniol betont, dass Bettina Jahnke ein ungewöhnlich gutes Händchen für den Kompromiss zwischen Aufführungen mit hohem künstlerischem Anspruch und eher sicheren Publikumserfolgen hat. Schade, dass er sich mit seiner Intendantin so gut versteht: Deshalb wird er im Sommer das Neusser Ensemble verlassen und mit Jahnke ans Hans Otto Theater Potsdam wechseln.

23.30 Uhr. Staufrei erreichen wir den Ausgangsort unserer Reise. Ob die Bühnenarbeiter und die Technik inzwischen mit dem Abbau und dem Beladen des LKW in Radevormwald fertig geworden sind? Andreas Spaniol schwingt sich auf sein Fahrrad und radelt über die Südbrücke nach Düsseldorf. Morgen um 12.00 Uhr fährt der Thespiskarren nach Nettetal. Dort spielt Spaniol den Inspektor Voss in den Physikern; Heitmann, Schleue und Berger sind die drei Physiker. Mit Proben wird das wieder nichts.

Foto: Christina Schumann/RLT Neuss