Tempus fugit

 

von Martin Schrahn

Da prallen zwei Welten aufeinander. Zwei Theaterszenerien, die eine in Form von angegrauten Fotos alter, geradezu spartanisch wirkender Inszenierungen, die andere als flitternde Bühnenshow. Dazwischen liegen 50 Jahre, jene Zeitspanne also, die die Geschichte des Dortmunder Schauspiels umfasst, bezogen auf das Wirken im eigenen Haus. 1968 wurde es nach zweijährigem Umbau neu eröffnet, zuvor beherbergte das Gebäude am Hiltropwall ja auch noch die Oper. Und nun galt es eben, das halbe Millennium zu feiern, mit Glamour, Glanz und Gala, zudem mit gewichtigen Worten und bleischweren Gedanken, alles abgerundet durch Musik, manche Anekdote und viel Nostalgie, sowie sogar mit ein wenig Schauspielkunst.

Kay Voges, amtierender Intendant, hatte im Grunde selbst dafür gesorgt, dass einerseits das Gefühl eines Klassentreffens aufkam, andererseits aber seine Art des Theatermachens sich in einer Form davon abhob, die mitunter ein wenig befremdlich wirkte. Weil auf der Bühne das Moderatorenteam Julia Schubert und Frank Genser allzu locker-flockig den altgedienten, immer noch charismatischen Verantwortlichen und Ensemblemitgliedern gegenübertrat. Und das ausgerechnet im Ambiente der Voges-Produktion „Die Show“, der zynischen Abrechnung mit dem Erniedrigungsfernsehen. „Die“ nämlich steht im Englischen für Sterben, und entsprechend geht es um einen Kampf um Leben und Tod vor Publikum.

Nun, über Stilfragen darf gestritten werden, gleichwohl war an diesem Abend einiges zu erfahren über die Dortmunder Schauspielgeschichte. Von Kay Voges, dessen radikaler Neubeginn als Nachfolger Michael Gruners zu vielen Debatten und manchen lautstarken Unmutsäußerungen geführt hatte. Von den Altintendanten (oder Oberspielleitern) Andreas Weißert, Jost Krüger und Jens Pesel, die etwa an den Beginn der 1980er Jahre erinnerten, als das Haus zur Disposition stand. Und ein Flugblatt für Furore sorgte: „Die SPD schlachtet das Schauspiel“. Immerhin besannen sich die Politiker bald eines Besseren und renovierten das Gebäude für stolze 10 Millionen DM.

Namen fielen, die heute berühmt sind, zunächst aber für bescheidene Dortmunder Anfänge standen. Joachim Meyerhoff wurde genannt, als junger Schauspieler am Haus engagiert, inzwischen auf bedeutenden Brettern in Berlin, Hamburg, Zürich oder Wien zuhause. Amelie Niermeyer war unter Jens Pesel Hausregisseurin, später wurde sie Chefin in Freiburg und Düsseldorf. Nicht zu vergessen Dietrich Hilsdorf: In Dortmund verantwortete er, als Regieassistent bei Andreas Weißert, die Inszenierung von Peter Turrinis „Der tollste Tag“ (eine Adaption des „Figaro“-Stoffes). Es wurde ein Skandal, wegen angeblich allzu freizügiger Szenen. Für Hilsdorf selbst war es gewissermaßen der Beginn einer von manchem Eklat geprägten Laufbahn. Gefragt ist er nach wie vor: Derzeit inszeniert er Wagners „Ring“ an der Deutschen Oper am Rhein.

Die Talkshow der Intendanten war ohne Zweifel das prägende Ereignis dieser Geburtstagsfeier, stand auch wunderbar im Programmzentrum des Abends. Anderes entpuppte sich als entbehrlich: Der Vortrag „Entwicklung des Stadttheaters gestern, heute morgen“ etwa, von der Theaterwissenschaftlerin Ulrike Haß in gefühlt epischer Länge ausformuliert, hätte gewiss einen würdigen Platz auf einem Symposion gefunden. Deutlich zu oberflächlich hingegen eine grafisch dargestellte Statistik, die im Wesentlichen die Erkenntnis brachte, dass Shakespeares Werke im Dortmunder Haus am meisten gespielt wurden.

Nun, nach 50 Jahren, nach einer Geschichte voller Kapriolen, pendelnd zwischen Schließungsabsichten, Fusionsgedanken und Renovierungen, steht das Theater ziemlich gefestigt da. Mochte es auch einst noch 42 Ensemblemitglieder gezählt haben und inzwischen nur noch 16 verzeichnen, wurde es unter der Intendanz von Gert Omar Leutner 1966 zunächst als Interimslösung gesehen mit der Perspektive auf einen Neubau, genießt das Haus heute weit über Dortmund hinausreichende Bedeutung.

Das wusste auch Oberbürgermeister Ullrich Sierau in seinem Grußwort zu würdigen, der das Theater als Imageträger des Wandels rühmte, speziell als Labor für das digitale Zeitalter. Das Stadtoberhaupt wie auch Regierungspräsident Hans-Josef Vogel verwiesen auf die Beiträge zu gesellschaftlichen und politischen Debatten, die das Haus immer wieder geleistet habe. „Das Theater trägt auch dazu bei, den Wandel einer komplexen Welt begreiflicher zu machen“, so Vogel. Oft stellten sich über die Jahre die gleichen Fragen, aber die Antworten seien ganz verschieden.

Kay Voges sieht die 50 Jahre nicht zuletzt als beständiges Kämpfen für die Kunst. Solcherart Einsatz ist inzwischen erneut gefragt. Denn der Neubau der Jungen Bühne, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schauspielhaus geplant, ist gerade ein Fall für Finanzjongleure. Voges’ Appell ist eindeutig: „Bitte schaffen Sie nicht noch eine Interimslösung, kein Haus des Mittelmaßes für die nächsten Generationen“. Das bleibt abzuwarten.