MuWis mal anders

Partituren analysieren, alte Handschriften entziffern, vergessene Komponisten entdecken – das ist das Metier der Musikwissenschaft und jener, die sie betreiben! Klingt sehr theoretisch und trocken, ist es zum Teil vielleicht auch. Ein Live-Konzert zu organisieren, es vorzubereiten mit allem Drum und Dran ist dagegen weitgehend Neuland für Studierende dieses Fachs. Es sei denn, sie arbeiten am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Münster und belegen das Seminar, das sie mitten hineinwirft in die Praxis: Kulturmanagement.

Gerade ging ein solches Seminar zu Ende, mit dem Dozent Dr. Simon Moser angehende Wissenschaftler*innen ins kalte Wasser des Kulturlebens hineingeworfen hat. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn wirklich „handgreiflichen“ Bezug zur Vorbereitung, Planung und Realisation eines Live-Konzertes seitens der Studierenden sieht der gewohnte Lehrplan im Fach Musikwissenschaft eigentlich nicht vor. Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, im Rahmen eines Seminars „Kulturmanagement“ Partituren und Autographe mal zur Seite zu schieben und stattdessen ganz konkret Erfahrungen zu sammeln: welche Voraussetzungen muss ich schaffen, um ein Konzert zu einem Erfolg für alle Beteiligten zu machen?

Denn wer von den aktuell Studierenden weiß schon, wie ein zukünftiges Berufsleben aussehen wird. Manche bleiben vielleicht an der Uni, andere werden in Bibliotheken, für Verlage oder Medien wie Zeitungen oder Rundfunk arbeiten. Oder liebäugeln schon jetzt mit dem, was man „Musikwirtschaft“ nennen könnte. Da kommt ein erstes Hineinschnuppern in die Praxis des Organisierens goldrichtig. Und genau hier bietet Simon Mosers Seminar erste konkrete Berührungspunkte.

Ein Partner für den Sprung der 16 Seminarteilnehmer*innen ins kalte Wasser des Konzertmanagements war rasch gefunden: das „Collegium musicum instrumentale“ der Uni Münster, das seit etlichen Jahrzehnten in schönster Regelmäßigkeit der Öffentlichkeit seine Semesterabschlusskonzerte anbietet. Diese sind in der Regel gut besucht. Und dennoch: „Unser Ziel war es, noch mehr junges Publikum auf diese Konzerte neugierig zu machen“, skizziert ein Seminarteilnehmer die gestellte Aufgabe. Öffentlichkeitsarbeit für eine spezielle Zielgruppe also. „Audience developement“ heißt das im Neusprech - eine wichtige Sache, die auch von Profi-Orchestern längst als vordringliches Anliegen ernst genommen und aktiv betrieben wird.

Die Seminarteilnehmer*innen entschieden sich für ein Projekt, das auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so innovativ zu sein scheint: Entstanden ist nämlich ein 12-seitiges buntes Faltblatt, das unter die Leute gebracht wurde.

Aber weshalb ausgerechnet ein Werbeflyer, wo Kommunikation gerade bei jungen Leuten heute doch über ganz andere Schienen läuft – Stichwort „soziale Medien“? „Flyer haben eine gewisse Haptik und machen eine persönliche Ansprache von potenziellen Interessenten möglich“, so einer der Musikwissenschaftler*innen, der dieses Format gar nicht so antiquiert findet. Immerhin bietet das witzig und frech gemachte Papier auch einen QR-Code, mit dem man sich Bilder und weitergehende Informationen auf sein Mobiltelefon holen kann, Web-Adressen sowieso.

Der Flyer selbst stand eigentlich gar nicht so sehr im Zentrum der Seminararbeit. Eher die Frage, welche Inhalte sind wichtig und wie bereite ich sie auf, um Schwellenängste jener Menschen abzubauen, die nie oder kaum einmal in ein klassisches Konzert gehen. Also: was erfahre ich im Vorhinein über die Musik, die Interpreten, den Ablauf eines Konzertabends? Anders ausgedrückt: wie und mit welchen Hintergrundinformationen bringe ich mein Produkt (das Konzert) erfolgreich in die Zielgruppe? Wie wecke ich Neugier? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Musikwissenschaftler*innen höchst selten. Aber genau dies könnte später im womöglich nichtwissenschaftlichen Berufsalltag hilfreich sein. Wer da im Studium schon mal Erfahrung gesammelt hat, ist klar im Vorteil.

Gute Idee: eine im Flyer annoncierte Verlosung soll das Publikum zusätzlich in den Konzertsaal locken. Zu gewinnen ist ein Probenbesuch beim „Collegium“, bei dem die Gewinner mitten im Orchester sitzen dürfen. Ein „Dolby-Surround-Erlebnis“ sozusagen. Mal ehrlich: wer hatte je die Gelegenheit, bei einer Probe zwischen den Instrumentalist*innen zu lauschen? Das könnte doch spannend werden!

Auch dies war wichtig: einen Sponsor zu finden, der den Druck des Flyers finanziert! Das Pianohaus Micke und dessen Geschäftsführer Rudolf Micke biss an, nachdem Seminarleiter Moser seinen Studierenden gute Tipps verraten hatte. Denn keiner von ihnen war jemals zuvor in die Situation gekommen, ein Produkt anpreisen zu müssen, es gut zu „verkaufen“, den potenziellen Sponsor davon zu überzeugen, eine gute Sache zu unterstützen. Und dies im Idealfall auch gar nicht so ganz uneigennützig…

Nicht zu vergessen dieser letzte Schritt: die Presse soll informiert werden über all das, was in den letzten Monaten im Uni-Seminar und in Zusammenarbeit mit dem Orchester passiert ist. Sprich: eine Pressekonferenz war zu organisieren. Auch das gehört zum Konzert-/Kulturmanagement! Es hat geklappt. Sonst wäre dieser Text hier nie entstanden!

Für Jürgen Tiedemann, Dirigent des „Collegium musicum instrumentale“, das in Münsters Musikszene kurz, bündig und liebevoll einfach nur unter „CollMus“ firmiert, ist die Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikwissenschaft noch unter einem weiteren Aspekt erfreulich: „Schließlich arbeiten wir unter einem gemeinsamen Dach: dem der Musikwissenschaft, der das CollMus ja angehört. Berührungspunkte mit den Studierenden der Musikwissenschaft gab es in den letzten Jahren aber nie“. Das also hat sich nun auch geändert!

Ob die Publikumsoffensive erfolgreich gewesen sein wird oder nicht, bleibt abzuwarten. Die Konzerte des „CollMus“ finden statt am 25. und 27. Juni um 20.15 Uhr im Hörsaal H 1 am Schlossplatz in Münster. Anschließend wird man sich zusammensetzen und auswerten: Ist man dem Ziel ein Stück näher gekommen…?

Die Teilnehmer*innen am Kulturmanagement-Seminar waren Carolin Constanze Albers, Sophia Katharina Braun, Maximilian Greshake, Laura Herder, Sebastian Kiefl, Henrik Oberhag, Ziad Ramadan, Lisa Aline Röllinghoff, David Rene Steike, Patrick Stiebe, Alisha Tüngler, Ying Wang, Charlotte Weirich, Katharina Wildförster, Lukas Wölfl.

Foto: Lisa Aline Röllinghoff

Text: Christoph Schulte im Walde

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