Übrigens …

Don Giovanni in den 60ern

Don Giovanni beherrscht nicht nur die Frauen sondern auch den DVD-Markt. Kein Jahr vergeht, ohne das nicht eine neue Aufnahme veröffentlicht wird. Eine der jüngsten hat aber durchaus ihren Platz in der Diskographie verdient, denn der Mitschnitt aus Glyndebourne kommt trotz der eher dunklen Bühnenbilder von Paul Brown sehr frisch daher. Auch wenn die Handlung in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts verlegt wurde, ist die Inszenierung von Jonathan Kent sehr klassisch-vital, mit behutsamen Aktualisierungen. So wird der Komtur im Zweikampf nicht erstochen sondern von Don Giovanni, der wie ein moderner Errol Flynn auf der Flucht an der Mauer herunter klettert, mit einem Stein erschlagen. Hier und auch in der Finalszene sorgt die Maske für ein glaubhaftes grausiges Ansehen – was auch die FSK 12 begründet. Die Kamera hat wegen der sparsamen Beleuchtung zuweilen Mühe, die Gesichter und Abläufe werden gleichermaßen unaufdringlich und sicher eingefangen.
Sängerisch ist die Produktion durchweg gut, vor allem die Titelfigur ist mit dem smarten Gerald Finley sehr stark besetzt. Sein bronzenes Timbre gibt dem Giovanni Autorität, die gut fokussierte Stimme kann gleichermaßen flirten und befehlen. Im Finale erreicht er dramatische Dimensionen. Ebenso erfreulich ist Luca Pisaroni als charmant-tapsiger Leporello, der fehlende Basstiefe mit Ausstrahlung und vielen Stimmfarben kompensiert. Seine schlanke, bruchlos geführte Stimme sowie seine scharfzüngige Artikulation sind Grundstein für ein starkes Rollendebüt, das große Hoffnungen für die Zukunft weckt. Das Zusammenspiel der beiden Sänger korrespondiert großartig mit dem genialen Libretto.
Die restliche Besetzung ist nicht ganz auf diesem Niveau, gefällt aber dennoch Aug und Ohren: William Burden singt den Don Ottavio mit viel Gefühl, ohne die Rolle einzudampfen. Guido Loconsolo ist ein offenherziger Masetto, Brindley Sherratt ein starker Komtur, der für die Schlussszene die passende Furcht einflößende Stimme für seine Zombie-Gestalt hat. Anna Samuil ist eine leidenschaftliche Donna Anna und Kate Royal verkörpert glaubhaft den Zwiespalt der Donna Elvira. Anna Virovlansky singt die Zerlina sehr schön, aber noch etwas blass.
Um so prägnanter ist das pulsierende Dirigat von Vladimir Jurowski und das temperamentvolle Orchestra of the Age of Enlightenment. Auch die gewählte Prager Fassung mit dem Duett Leporello und Zerlina und die kurze Szena ultima ohne den Duettteil zwischen Don Ottavio und Donna Anna ist auf DVD noch nie zu hören gewesen.
Insgesamt also eine sehenswerte DVD, die zudem noch ein paar Extras bietet und sich so im Katalog der Don Giovanni-DVDs durchaus behaupten kann.