Übrigens …

Der erste fiese Typ im Berlin, Deutsches Theater

Zeitgeist in sprachlich sensibler Form

Der erste fiese Typ ist vielleicht nicht nur fies, sondern auch begehrt. Weil er sein fieses Verhalten nicht versteckt, sondern selbstbewusst damit umgeht. Für die eine oder andere Frau offenbar dennoch attraktiv.

Wer jetzt meint, es könnte sich bei dem Stück Der erste fiese Typ um eine Auseinandersetzung mit Jeffrey Epstein handeln, der liegt falsch. Ganz so aktuell ist das Deutsche Theater nicht, denn der Text von Miranda July ist immerhin schon elf Jahre alt.

Und ganz so fies ist der Typ, der die monologisierende Protagonistin Cheryl (passend herausgerabeitet von Maren Eggert) in Atem hält dann auch nicht. Gott sei Dank, denn wer die aktuellen News verfolgt, braucht wahrscheinlich nicht noch eine Auseinandersetzung auf der Bühne.

Das psychologische Gemenge ist dennoch brisant, denn Protagonistin Cheryl führt eine Phantasiebeziehung mit einem Vorstandsmitglied ihrer Firma. Der ist aber in eine junge Frau verliebt und nicht in Cheryl und fragt ausgerechnet selbige um Erlaubnis zu einer Beziehung! 

Empathie ist diesem Typen fremd. Und Cheryl? Eine literarisch pointiert herausgearbeitete Rollenträgerin ihrer Zeit, die weibliches Organisationstalent auf die Spitze treibt: Hat sie es doch mit ihrer selbsterfundenen Methode zur Alltagsorganisation - keine unnötigen Gänge im Haus, Geschirrverzicht durch Verzehr direkt aus dem Topf - geschafft, ihr Leben komplett im Griff zu haben!

Doch was hilft alle Effizienz, wenn das Emotionale fehlt?

Mit Der erste fiese Typ hat July einen konzisen Text über heutige emotionale Kälte in der modernen Gesellschaft geschaffen. Einer Gesellschaft, in der es oft an Sensibilität im Umgang mit anderen fehlt. Einer Gesellschaft, in der Selbstoptimierung und Grenzüberschreitungen oft Hand in Hand gehen.

Eine sehenswerte Inszenierung.