Übrigens …

Böhm im Berlin, Deutsches Theater

Ein Maestro wird Mensch

Celi…bidache!“ Der alte Mann im Rollstuhl holt auf halbem Weg Luft, als müsse er Kraft sammeln, um den Namen des Dirigenten herauszuspucken. Der Gedanke an den charismatischen Maestro löst eine Tirade aus, die sich in immer engeren Kreisen dreht, bis nur noch Satzfetzen aus dieser Zentrifuge schleudern: „Rumänische Schmalzlocke! Keinen Mozart gekonnt… Aber Buddhist geworden! Bud-dhist!!!“

Es ist ein Fall von Verbitterung, womöglich auch von beginnender Demenz. Seltsam nur, dass dieser namenlose Greis, der sich im Heim mit der Tochter seines Pflegers unterhält, dem Dirigenten Karl Böhm fast aufs Haar gleicht. Im Lauf der Jahre hat er sich dem Gegenstand seiner Verehrung anverwandelt: Die charakteristischen tiefen Stirnfurchen über der dicken Hornbrille, die oft wie ein Visier herauf und herunter rutscht, haben ebenso Wiedererkennungswert wie sein herrisches Wesen und seine intelligente, aber oft herb pedantische Strenge. Der alte Mann legt eine Schallplatte auf: Franz Schuberts Lied „Der Doppelgänger“ tönt durch den Raum. Die Musikauswahl unterstreicht die Unschärfe, die sich bis zum Schluss nicht ganz auflösen wird. Ist er’s? Oder ist er’s nicht?

Böhm – das ist der schlichte Titel für das Stück, das der österreichische Psychiater und Autor Paulus Hochgatterer dem Puppenspieler Nikolaus Habjan auf den Leib geschrieben hat. Opernverrückt sind sie gleichermaßen, anders hätte diese Collage über den großen Maestro, der auch ein Profiteur des Dritten Reichs war, nie entstehen können: dieser hinreißend unmögliche Abend, der zugleich Tragödie, Farce und Lustspiel ist, Demontage und Liebeserklärung, ein Einpersonenstück für elf Figuren. Nikolaus Habjan hat sie alle gebaut (mit Marianne Meinl), aber er gibt ihnen nicht nur ein Eigenleben, so perfekt die Illusion auch sein mag. Nein, er betreibt virtuose Persönlichkeitsspaltung, er spielt sich durch sie gewissermaßen selbst an die Wand.

Das Gegrantel des Alten im Rollstuhl ist so boshaft treffsicher, dass das Publikum immer wieder auflacht. Köstlich, wie er nicht nur imaginäre Orchestermusiker, sondern auch das Publikum anblafft („Ruuuheee!“), wie er stur auf der Anrede mit dem Doktortitel besteht, wie er beim Blick ins Parkett mit seufzender Indignation feststellt: „Berlin, ausgerechnet…! Alles Experten…!“ Aber hinter dem Gestus dessen, der sich die Haare rauft, steckt auch ein Verzweifelter, der die Welt nicht mehr versteht – vielleicht auch gar nicht mehr verstehen will. Das zeigt sich insbesondere in den Dialogen mit dem jungen Mädchen, das Inuit sagt statt Eskimos und Suriname statt Niederländisch-Guayana, zugleich aber nicht weiß, wer Mozart, Schubert und Beethoven sind.

Hochgatterer, Habjan und Jörg Gollasch (Musik) haben dieses Stück so durchkomponiert, dass es zu einem Gesamtkunstwerk wird, der Oper nicht unähnlich. Es gibt sprachliche „Loops“, also Wiederholungsschleifen, die einerseits auf fortschreitende Senilität verweisen, andererseits wie eine Engführung in der Musik funktionieren. Zentral ist das Leitmotiv der Zeit, das gleich zu Beginn eingeführt wird. Da betritt der Puppenspieler die noch dunkle Bühne und zieht nacheinander die vielen Uhren auf, die im Zimmer des Alten auf der Kommode stehen. Die entsprechende Arie im Rosenkavalier wird denn auch später zitiert („Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“). Die Collage präsentiert den Dirigenten in verschiedenen Altersstufen, zeigt in genau recherchierten Rückblenden historische Begebenheiten.

In ihnen tritt die eigentliche Intention des Stücks hervor: Es geht darum, Böhms Haltung zum nationalsozialistischen Deutschland differenziert, aber ohne Beschönigung darzustellen. Anders als Herbert von Karajan trat Böhm nicht in die NSDAP ein („Ich bin schon in einer Partei – in der musikalischen Partei!“). Aber er ist auch als Opportunist zu erleben, der das „Verschwinden“ anderer Künstler ohne jede Empathie registriert und achselzuckend zugibt, dass dies seiner eigenen Karriere nützt. Er hat sich aktiv um Propagandadienste bemüht und den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich öffentlich bejubelt. Nikolaus Habjan schreibt im Programmheft davon, dass es ihn störe, wie viel von dieser Geschichte „weggeredet“ werde, gerade in der Welt der Oper.

Manch andere Berühmtheit aus dieser Sphäre bekommt einen exquisiten kleinen Auftritt als „Tischdiva“: Walter Berry, Elisabeth Schwarzkopf und Christa Ludwig treten als etwa ein Meter große Puppen in Aktion. Berry steht förmlich stramm, wenn Böhm ihn ankeift, weil er seinen Einsatz verpasst. Zugleich lässt die Programmfolge frösteln, denn vor Beethoven und Wagner wollen die neuen Machthaber das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied hören.

Am Ende öffnet sich die Bühne nach hinten. Nikolaus Habjan hebt den alten Mann sanft aus dem Rollstuhl und trägt ihn zu einem Böhm-Denkmal, das im Licht der Scheinwerfer aufleuchtet. Müde, aber mit zärtlich-glücklichem Ausdruck lehnt die Puppe sich gegen die Stele. Ein Denkmal ist demontiert – doch ein Maestro ist Mensch geworden.