Deutsches Heim im Eimer
Jenny Erpenbecks Erfolgsroman Heimsuchung aus dem Jahr 2008 ist in viele Sprachen übersetzt, die Verfilmung durch Volker Schlöndorf soll im Herbst 2026 auf die Leinwand kommen. Bedeutend ist der Roman auch für Gymnasiasten, er ist Prüfungsthema fürs Abitur. Unter anderem deshalb haben mehrere Bühnen den Stoff entdeckt, so auch das Deutsche Theater Berlin.
Regisseur Alexander Eisenach bearbeitet das Werk im Stil einer Textfläche (Elfriede Jelinek lässt grüßen). Es gibt kaum Dialoge. Die Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen ihre Figuren in der dritten Person, fast immer an der Rampe und direkt in Richtung Publikum. Das erledigen sie ausgezeichnet und hochpräsent.
Der Begriff „Heimsuchung“ wird von der Autorin in zweifacher Bedeutung gesehen. Einerseits schlicht: Menschen suchen ein Heim, ein Zuhause, andererseits allgemeinmenschlich, aus der Bibel abgeleitet: Schwere Prüfungen, Unglücke, Katastrophen brechen herein. Beides erleben etwa 30 Menschen, die im Roman auftauchen. Schauplatz ist ein Grundstück in Brandenburg, eine Hauptfigur zur Identifikation gibt es nicht. Wir sehen und hören kleine verdichtete Begebenheiten, die stellvertretend stehen für die jüngere deutsche Geschichte.
Es beginnt vor etwa hundert Jahren. Ein Schulze (Peter René Lüdecke) aus Guben in Brandenburg besitzt ein attraktives Grundstück am Scharmützelsee. Seine unverheirateten Töchter (Anja Schneider, Svenja Liesau, Julischka Eichel) sollen nach damaligen Sitten nicht erben, deshalb verkauft er Grund und Boden zu je einem Drittel an einen Kaffee- und Teeimporteur, einen jüdischen Tuchfabrikanten und einen Berliner Architekten. Letzterer baut ein traumhaftes Sommerhaus für sich und seine Frau, der jüdische Tuchmacher errichtet ein geräumiges Badehaus. Dann ergreifen die Nazis die Macht. Ein Teil der jüdischen Familie kann nach Südafrika fliehen, der andere Teil wird im Holocaust ermordet. Der Architekt kauft das Badehaus zum halben Preis, findet dabei, so sagt er, dass er sich anständig verhalten habe: „Immerhin die Hälfte des Verkehrswertes hatte er den Juden gezahlt. Und das war schon nicht wenig gewesen.“ Der Architekt gehört, während der Nazi-Zeit, zum Team von Starbaumeister Albert Speer. Nach dem Krieg, zu DDR-Zeiten, flüchtet er in den Westen. Die SED überlässt das Haus einer Schriftstellerin (Julischka Eichel). Nach der Wiedervereinigung muss sie Haus und Garten wieder verlassen. Das Grundstück wird rückübertragen an die Erben des Architekten. Die engagieren einen Makler, verkaufen das Heim und es wird am Ende abgerissen. Dazu sehen wir zum Schluss der Vorstellung die Mitarbeiter des Deutschen Theaters die Bühne abräumen.
Als Symbol für Abriss und Aufbau, für Gartenarbeit und Wasser benutzt Regisseur Alexander Eisenach Eimer als wiederkehrendes Requisit. In die Eimer wird Wasser gefüllt, Kies geschippt oder es wird draufgehauen. Als Ausstattung auf der abstrakt gehaltenen Drehbühne steht eine begehbare Metallkonstruktion, die an Wellen, Klettergerüst oder Gefängnis erinnert und als Kinderspielplatz, Rückzugsort oder zur Angeberei bespielt wird.
Regisseur Alexander Eisenach setzt auf Atmosphäre mit Live-Musik, Licht, Nebel, Video-Projektionen und das Sprachvermögen der Schauspielerinnen und Schauspieler. Die bieten eine gute Partie. Sie erzählen den Roman nach, bleiben - in der dritten Person - auf Distanz zu ihren Figuren und schaffen trotzdem hochemotionale Momente. So erträumt sich in Video-Großprojektion die 12jährige Doris (Siri Carla Brodowsky), Enkelin des jüdischen Tuchmachers, ein ausgefülltes Leben, ehe sie von der SS erschossen wird. Eindringlich inszeniert ist auch eine Missbrauchsszene zwischen einem jungen Soldaten der Roten Armee und der Frau des Architekten (Benjamin Lillie und Anja Schneider). Dabei kommen die beiden sich körperlich zwar näher, die Gewalt aber bleibt verbal. Verknüpft werden die Episoden von einem mürrischen Gärtner (Almut Zilcher), der von alten Zeiten schwärmt und aussieht, als käme er gerade aus dem Wilden Westen oder dem unangepassten Osten.
Der Abend beginnt stark im ersten Teil. Nach der Pause lässt der Regisseur packende Ideen vermissen. Es wird viel gesessen und geräumt, etwa von der Enkelin der Schriftstellerin (Svenja Liesau), die als Symbol für die Rückabwicklung mit Ost-Nostalgie Lampenschirme zusammenstellt und langatmig Eimer stapelt. Trotzdem ist der Abend keinesfalls im Eimer. Es ist keine reine Bebilderung des Romans. Er schafft mit eindringlichen Episoden einen nachdenkenswerten und Diskussions-anregenden Bogen durch die bewegte deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre.