Übrigens …

Sophia oder Das Ende der Humanisten im Renaissance-Theater Berlin

Ich wünsch mir zum Geburtstag eine KI-Frau

Junge Leute, so hört und liest man, die keine oder nur wenige befriedigende Kontakte haben, unterhalten sich lieber mit ChatGPT als mit realen Menschen. Reportagen dieser Art, aber auch literarische Vorbilder, etwa Der Sandmann von ETA Hoffmann, regten den Schriftsteller Moritz Rinke(58) an, sein neues Theaterstück der KI zu widmen. Ein einsamer, altmodischer Wissenschaftler, den seine Frau gerade verlassen hat, der seinen 60. Geburtstag nicht mehr feiern will, bestellt sich im Internet eine humanoide Androide, einen weiblichen Roboter. Sophia oder Das Ende der Humanisten“kam jetzt am Renaissance-Theater, Berlin, zur Deutschen Erstaufführung mit prominenter Besetzung.

Joachim Król spielt Wolfgang Bergmann, einen schrulligen Ex-Professor für alte Geschichte, der sich eine Maschine in Frauengestalt kauft, namens Sophia. Katharine Mehrling, gefragte Fernsehschauspielerin, setzt die KI-generierte Maschine gekonnt und komisch in Szene. Ihre Bewegungen sind exakt einstudiert. Mal steht sie festgewurzelt, mal wandelt sie behutsam, lacht gekünstelt, läuft auch gegen eine Tür, weil offenbar unzureichend programmiert. Von kleinen Fehlern abgesehen, verkörpert sie den Männertraum der alten Schule. Sie ist pflegeleicht, geduldig und zugewandt, kann sowohl putzen und Nüsschen holen, als auch Heinrich-Heine Gedichte vortragen und hochinformierte Gespräche über Theodor Mommsen und den Humanismus führen. Nie vergisst sie am Ende die aus dem Internet bekannte, nervige und hier lustig wirkende Frage: „War diese Information hilfreich?“.

Wolfgang ist zufrieden mit Sophia und will seinen 60. Geburtstag eigentlich nur mit ihr feiern, doch dann taucht seine Tochter Helena (Christin Nichols) auf mit ihrem neuen Freund Jonas (Tanju Bilir). Sie wirkt unruhig, dauernd unter Dampf, schaut unentwegt aufs Handy, versucht sich gerade als Influencerin zu profilieren, nach abgebrochenem Psychologie-Studium. Jonas hat auch sein Studium geschmissen, Informatik. Jetzt will er ein Restaurant eröffnen.

Helena ist entsetzt über die maschinelle Freundin ihres Vaters. Sie will eigentlich ihre Eltern wieder vereinen, was Wolfgang abzulehnen scheint. Er lobt Sophia in höchsten Tönen, vermisst nur ein wenig „Zärtliches, so ein paar kleine Gesten“. Und da man solche Gefühle angeblich nachträglich einstellen kann, fühlt sich der Halb-Informatiker Jonas gefordert. Er beginnt die Roboter-Dame umzuprogrammieren. Das misslingt gründlich, was die Regie zu einer hochgezogenen Slapstick-Nummer nutzt. Die Einstellungen von Sophia kommen völlig durcheinander, sie spricht plötzlich Vietnamesisch, erlernt sexuelles Begehren und moderne Konsumlust. Sie bestellt Zeugs im Internet, etwa eine Fotoausrüstung und haufenweise Schuhe. Heimlich fährt sie mit Wolfgangs Oldtimer spazieren und benimmt sich nicht mehr sanft und handzahm. Das Ende sei nicht verraten, wirklich überraschend ist es nicht.

Autor Moritz Rinke packt zu viele Themen und Fragen in seine Komödie: Alles wird aber nur angerissen. Es geht um Alter und Beziehung, Begegnungsorte und Familie, Influencer, Computernaivität, ein bisschen Feminismus. Ist die KI lustig oder eher ernst? Wie lässt sich das Internet und seine Reizüberflutung verdauen?

Regisseur Guntbert Warns, Intendant des Renaissance-Theater, inszeniert in einem Bühnenbild, das einer Berliner Altbauwohnung nachempfunden ist. Weiße Wände mit Stuck, hohe Schiebetüren, ansonsten nur ein Stuhl drin. Nach der Textvorlage muss der Raum leer sein, denn Sophia kann Möbel und Türen nicht erkennen. Den Stücktext arrangiert der Regisseur fast vom Blatt, wagt kaum Kürzungen. Die hätten durchaus gut getan, denn es wiederholen sich einige Motive und die wenigen Requisiten, etwa ein Notizbuch oder ein Geburtstagskuchen, werden zu ausdauernd und etwas langweilig bespielt.

Die beiden Hauptdarsteller geben eine gute Partie. Joachim Król spielt den Professor zwischen skurril und sympathisch, Katharine Mehrling entwickelt ihre Sophia von roboterartig bis allzumenschlich. Die beiden Nebenfiguren, Tochter mit Freund, bleiben dagegen blass und eher eindimensional. Sophia oder Das Ende der Humanisten bietet eine meist unterhaltsame Story, die Überfülle an Themen und nicht immer sitzende Witzchen verhindert aber den Tiefgang. Weniger wäre da mehr gewesen.