Übrigens …

Bookpink New Arrivals im Berlin, Deutsches Theater

Und wieder zwitschert der Buchfink

Die heute 41jährige Autorin Caren Jeß erlebte im Jahr 2023 einen Überraschungserfolg bei den Mülheimer Theatertagen. Ihr Eine-Frau-Stück Die Katze Leonore ergatterte den renommierten Dramatikpreis. Wer die „Stücke“ in Mülheim verfolgt, erinnert sich, dass die Autorin bereits 2020 mit ihrem Debüt-Werk namens Bookpink nominiert war. Die damalige Inszenierung aus Graz mit sieben Fabeln aus der Welt der vermenschlichten Vögel - etwa Sumpfmeise, Krähe, Flamingo - wurde wegen Corona nicht aufgeführt und bewertet. In den Folgejahren aber brachten mehrere Theater die philosophisch-satirischen Vogelmärchen über weibliches Leben auf die Bühne. Jetzt gibt es eine Erweiterung. Zu den bisher sieben Dramoletten fügte die Autorin drei neue hinzu, auch wieder witzig und hintergründig, namens: „Die Adler“, „Nullipara Kolibri“ und „Nikki die Kanarie“. Regisseurin Jorinde Dröse brachte sie jetzt am Deutschen Theater Berlin zur Uraufführung unter dem Titel Bookpink New Arrivals.

Im Gegensatz zum Untertitel ist Bookpink kein englischer Begriff, sondern bedeutet Buchfink, wie man das Vögelchen in der schleswig-holsteinischen Heimat der Autorin ausspricht. Sie erklärt es im Prolog der Aufführung: „Weil man das F im Plattdeutschen häufig als P spricht, heißt der Buchfink bei mir Bookpink. Das ist eigentlich falsch. Aber schöner. Und deshalb heißt auch mein Stück so. Bookpink.“

Die Farbe Pink im Namen inspiriert die Bühnenbildnerin Kathrin Frosch zu einem poppigen, magentafarbenen, leeren Kasten, in dem die erste Episode spielt. „Die Adler“ (Daria von Loewenich) im opulenten Federkleid ist eine Rabenmutter. Sie verachtet ihren Sohn Renz (Natali Seelig), weil der in ihren Augen ein Weichei ist. Mit ihrer sozialdarwinistischen Mutterhaltung Adler sind die Brut der Stärkeren will sie einen neuen Sohn ausbrüten und den Schwächling in ein Zoo-Gehege abschieben. Renz versucht die Mutter durch ein Geständnis zu beeindrucken. Er habe den eigentlich stärkeren Bruder getötet, verkündet er und singt dazu noch einen eingängigen Rap. Das mütterliche Adlerherz reagiert kalt und jagt den Sohn fort, gemeinsam mit dem Schäferhund Success (Bernd Moss), dem besten Kumpel von Renz. Die Parabel um das vermeintliche Recht des Stärkeren wird allzeit witzig und unterhaltsam vom Ensemble mit großer Verve gespielt. Einen überraschenden Schluss gibt es nicht, die drei Ensemblemitglieder wechseln in neue Kostüme, radikal farbenfroh für das zweite Dramolett Nullipara Kolibri.

Nullipara ist ein medizinischer Fachbegriff für Frauen, die noch kein Kind geboren haben. Eine solche Frau ist die Kolibri-Lady Pétain, die von Simone de Beauvoir inspiriert ist: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es". Daria von Loewenich spielt im hautengen, knalligen Outfit, einer Art Power Ranger-Look. Kolibri-Lady Pétain möchte ein autonomes „Leben ohne Gelege“ führen und sich deshalb in einer Spezialklinik sterilisieren lassen. Der Eingriff misslingt. Dafür gelingt ein monumentales aufblasbares Bühnenbild in Form einer riesigen Blume, deren Blütenblätter an Vaginas erinnern. Natali Seelig als Frau Dr. Februar lockert clownsartig das Geschehen mit einem Mnemotechnik-Spiel über das Vogelleben auf, das die erste Publikumsreihe zögerlich mitspielt. Die Episode nimmt aus der Vogelperspektive das Herumoperieren an Frauenkörpern aufs Korn.

Im dritten Teil Nikki die Kanarie tritt Bernd Moss als echter Mensch namens Cord auf, der die schöne Kanarie Nikki in eine Voliere einsperrt, bis ein anderer Vogel – nicht ohne Hintergedanken - sie nach Cords Tod befreit. Hier befasst sich der Text mit Frauen, die zwar bewundert werden, aber ihr Potenzial nicht ausschöpfen dürfen. Dieses Dramolett ist, wie auch die Inszenierung, weniger bissig und witzig. Das lässt aber den insgesamt hochtourigen Eindruck des Abends nicht verblassen.

Regisseurin Jorinde Dröse schafft eine bildstarke, funkensprühende Inszenierung, die sich vor mächtigen Kostümen und musikalischen Einlagen nicht scheut. Das dreiköpfige Ensemble ist mit hoher Präsenz dabei. Natalie Seelig ragt mit ihrem komödiantischen Talent heraus, aber auch Daria von Loewenich und Bernd Moss zeigen große Spiellaune und bieten eine gute Partie. Das Deutsche Theater Berlin hatte der Autorin den Auftrag zum Weiterschreiben der Buchfink-Bookpink-Episoden erteilt. Das hat sich durchaus gelohnt.