Übrigens …

Sturm auf Berlin im Berliner Ensemble

Kaum zu glauben

Autorin und Regisseurin Marie Schwesinger, 38 Jahre alt, ist eine Anhängerin des dokumentarischen Theaters, also von Stücken, die reale oder historische Ereignisse theatralisieren. Sie bearbeitete in den vergangenen Jahren unter anderem den Prozess um den rechtsextrem motivierten Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, das Verfahren gegen den neo-nazistischen Bundeswehrsoldaten Franco A. und das Verfahren um den sogenannten NSU 2.0. Auch in ihrer neuesten Arbeit geht es um Rechtsradikale. Sie verfolgt und dokumentiert den noch laufenden Reichsbürger-Prozess gegen die Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß unter dem Titel Sturm auf Berlin.

 Protokolle über die „Patriotische Union“

 

Marie Schwesinger hat für den Abend eine akribische Fleißarbeit hinter sich. Seit Prozessbeginn im April 2024 am Oberlandesgericht Frankfurt am Main beobachtet und protokolliert sie die Aussagen von siebenundzwanzig mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe um Prinz Reuß, die sich „Patriotische Union“ nennt. Der Prozess-führende Richter konfrontiert die Angeklagten mit handfesten Absichtserklärungen, wie und wann man den Reichstag stürmen wolle, eine Militärdiktatur errichten, Abgeordnete, Minister, Journalistinnen und Journalisten verhaften und einige gleich an die Wand stellen wolle. Zur „Patriotischen Union“ gehören: Ehemalige Bundeswehrangehörige, eine AfD-Abgeordnete, Richterin des Landes Berlin, eine Kunstwissenschaftlerin, meist gut ausgebildete Menschen, die im Inneren des demokratischen Systems gearbeitet haben. Die Motivation entsteht aus der Reichsbürger-Ideologie, dass Deutschland keinen Friedensvertrag habe und man darum die Gesetze der Bundesrepublik nicht anerkennen müsse. Daneben tauchen krude Verschwörungserzählungen auf über manipulative Impfungen oder die „satanisch-rituelle Pädophilie“ bei der in unterirdischen Tunnelsystemen Kinder gefoltert würden, um aus ihrem Blut ein Verjüngungsserum für elitäre Finsterlinge herzustellen. 

Die rätselhafte Allianz

 Im Zentrum des Abends stehen dabei die Ermittlungen gegen die Berliner Richterin und ehemalige AfD-Abgeordnete Birgit Malsack-Winkemann, die den Fragen des Gerichts immer wieder wortgewandt ausweicht. Ob es eine Liste von Politikern und Politikerinnen gab, die man sofort liquidieren wolle. „Das waren nur Gedankenspiele.“ Warum sie ihre Verschwörungs-Kameraden durch die Katakomben des Bundestages führte. „Das war ein normaler Rundgang. Die Touristen haben halt alles fotografiert“. Sie bestreitet, dass die Mitglieder persönlich zum Gewehr greifen wollten: „Die Gewaltakte, das sollten nicht wir machen, das sollte alles die Allianz machen.“ Immer wieder taucht die rätselhafte Allianz auf. Wer oder was sie ist, wird erst allmählich klar. Es sei eine internationale Geheimarmee, die gegen den sogenannten Deep State kämpft und die bereits mit Millionen von Kräften verdeckt in Europa unterwegs ist. Da hat die Autorin krudes Zeug mitgehört und protokolliert, dass man immer wieder denkt: Was ist oder war das für eine durchgeknallte Truppe? Diese allerdings hat, das erfährt man, clevere Verteidiger engagiert, die Verwirrung stiften, den Prozess verzögern oder lächerlich machen durch Zwischenrufe, Befangenheitsanträge, Tiraden zur Corona-Politik etc.

 Parallelen zum Kapp-Putsch 1920

 Der Abend erinnert nebenbei an 1920, als Generäle sich gegen den Versailler Friedensvertrag wehrten, die vereinbarte Reduzierung der Wehrmacht ablehnten, auf Berlin marschierten und die gewählte Regierung zeitweise in die Flucht trieben. Dann verhinderte ein landesweiter Generalstreik die angepeilte Militärdiktatur. Die Putschisten haben binnen weniger Tage keinen Strom mehr, kein Wasser, keine Kommunikationswege und kein Geld. Denn die Reichsbank verweigert Geldauszahlungen für einen „Reichskanzler Kapp“. Die Beteiligten gehen ins Ausland oder bleiben weitgehend straffrei. Die heutigen Reichsbürger sehen das als Erfolg.

 Die Bühne als Tribüne

 Gespielt wird auf weißen Stufenpodesten, die an eine Agora erinnern, als Zeichen für Diskurs und Demokratie. Darüber hängen deutsche Eichen mit angespitzten Stämmen, die sich auch mal drohend auf den Versammlungsort senken, aber nicht zustechen. Stattdessen ermuntern sie die Umstürzler zum Lied über den deutschen Wald. Da wird schön gesungen, die Bedrohung bleibt dennoch spürbar. Die theatralen Arrangements sind aber eher sparsam. Projektionen im Hintergrund bleiben blass und abstrakt, Podeste werden hin und wieder verschoben, es gibt mal eine kleine Parade mit Reichsflaggen und Wolfsmasken. Aber insgesamt setzt die Regisseurin auf ihren Text. Der ist oft überraschend und mahnend.

 Die Botschaft kommt rüber

 Seid wachsam, auch wenn die rechtsextremen Thesen noch so absurd klingen. Diese Warnung zieht sich klar und deutlich durch den Abend. Mit wechselnden Rollen sprechen Nina Bruns, Oliver Kraushaar, Maeve Metelka, Kathleen Morgeneyer und Marc Oliver Schulze Richter, Anwälte oder Angeklagte. Dabei ist den Figurenwechseln nicht so leicht zu folgen. Wer spielt gerade wen? Befinden wir uns im Gericht oder schon wieder bei der Rekonstruktion eines verhandelten Tatbestandes? Das Ensemble zeigt hohe Präsenz, auch wenn einige bei den vielen Namen, Daten und Fakten manchmal im Text hängen. Die AfD-Abgeordnete Birgit Malsack-Winkemann wird von allen, manchmal im Chor, gesprochen, wobei Maeve Metelka den größten Part bestreitet und eindeutig herausragt. Mit Verve und Satire versucht sie die Autorität des Richters zu untergraben. Aber dieser, mit Souveränität gespielt von Marc Oliver Schulze, bleibt gradlinig, lässt sich nicht provozieren. So wünscht man sich die deutsche Justiz. Trotzdem offenbaren sich auch die Schwächen des Rechtsstaats, der den Tricks der Anwälte ausgesetzt ist und manches Mal nicht standhalten kann.