Übrigens …

Hard Times im Thalia Theater Hamburg

Welt und Mensch als kleine und große Kunstwerke

Schräg über die Bühne ein Bretterzaun, auf dem Boden Pflastersteine. Ein lautes Dröhnen ertönt, ein roter Ballon und eine Clownsfigur tauchen kurz über den Latten auf und lassen dahinter die Zirkuswelt erahnen. Eine höchst skurrile Figur erscheint Peitsche schwingend im Glitzeranzug, mit roter Struwwelfrisur und stellt sich im Lispelton als Kunstreiterzirkusdirektor Sleary vor. Ein ungewöhnliches Outfit für einen Zirkusdirektor. Aber darum geht es heute auch nicht. „Ich werde ein Medium, Bindungsstück zwischen den einen und anderen“ sein, verrät er. Und in der Tat wird er es sein, der die beiden Welten miteinander verbindet, die „bunte, friedliche Welt unterm Zirkuszelt“ und die im Dampf und Kohlenstaub erstickende fiktive viktorianische Industriestadt Coketown, deren soziopolitische Verhältnisse Charles Dickens 1854 zum Thema seines Romans macht. Virtuos, wie Cino Djaviddabei von einer anrührenden Kinder-Clownsszene mit dickem Lutscher in der Hand in satirisierende Alltagsszenen oder auch zu dem Erzählpart beider Welten überwechselt. Dabei distanziert er sich durchaus gelegentlich vom Geschehen und erntet für seine spöttischen Kommentare immer wieder verschmitzte Lacher oder gar Zwischenapplaus.

Der Regisseur Antú Romero Nunes, der bekannt ist für seine exzessiven Figuren- und Milieu-Schilderungen oder gar Überzeichnungen, lässt gleich zu Beginn das ganze grandiose Ensemble als angedeutete Schulklasse vorm Bretterzaun auftreten, in der er die gesamte Ambivalenz der Coketown-Welt in Sprache und Bewegung persifliert. Da ist der Lehrer - später auch Parlamentarier – Mr. Gradgrind, aufgeputzt in black Lounge Suit und Zylinder, für den nur das Prinzip der reinen Vernunft gilt (überzeugend staksig: Tilo Werner). Er will den Kindern - darunter auch seinen eigenen, Luisa und Tom - nichts anderes „in die Köpfe pflanzen“, als Tatsachen, Tatsachen Tatsachen. Endlos zieht sich das Wort durchs Stück und findet seinen krassen Tiefpunkt in der gefühllosen Verkupplung der kindlichen Luise mit dem „eitlen Fatzken und Kapitalisten“ Mr. Josiah Bounderby (überzeugend unsympathisch: Julian Gries). Als „tatsächliche Tatsache“ nimmt Luisadie Ehe hin und erstarrt in Coolness (ergreifend: Caroline Junghanns).

Dagegen das ClownskindSissy, das für den Lehrer zunächst nur das „Nümmerchen Zwanzig“ ist und mit seiner Liebe zu Fantasie und selbsterfundenen Geschichten die kreative Gegenwelt der Zirkus-Magie verkörpert (strahlend gespielt von Lisa-Maria Sommerfeld). Zerrieben zwischen den Welten wird der kleine Fabrikarbeiter Stephen Blackpool (hinreißend: Lisa Hagemeister), bei seinem Versuch, ein individuelles Leben zu führen.

Nachdem sich die Zirkuswand geöffnet hat - durch die die Kinder Luise und Tom schon immer versucht hatten, heimlich hindurchzuspähen, vom spießig-nüchternen Vater jedoch zurückgetrieben wurden - wird der Blick frei auf eine phantastische Liveband. Sie ist „das schlagende Herz der Maschine Coketown“ (so Nunes im Programmheft), das mit Saiteninstrumenten und Drums den aufsteigenden Bühnennebel, der bis in die ersten Saalreihen wabert, durchbricht. Es sind die Melodien und Lieder der Komponistin Anna Bauer,die den archetypischenNunes-Figuren eine ganz eigene künstlerische Zeitlosigkeit geben.

Zur akustischen Überzeitlichkeit gesellt sich die visuelle, mit den Rollen schnell wechselnde bizarre, urkomische Kostümierung von Lena Schön und Helen Stein. Wobei nur die beiden in ihrer Rolle erstarrten, der Utilitarist Mr. Gradgrind und der Kapitalist Mr. Bounderby, in ihrem demonstrativen Outfit stecken bleiben.

Am Ende verschwinden Dampf und Feuersbrunst (wunderbar vom Ensemble körperlich erspielt), ein buntgemusterter Vorhang breitet sich quer über die Bühne und rückt die Zirkuswelt ganz nahe. Die harten Fronten beginnen einzubrechen. Luise, die Bounderby verlassen und den Tod suchen wollte, findet ins Leben zurück, versöhnt sich mit dem Vater und sucht mit ihm gemeinsam eine Lösung für den auf die schiefe kapitalistische Bahn geraten Bruder Tom. Dabei helfen die Zirkusleute mit irrwitzigen Plänen, für deren Gelingen man allerdings „Kunstreiter“ sein müsste.

Den im Titel angekündigten Hard Times öffnet sich ganz zaghaft ein Spalt zur Welt der Phantasie, Empathie und Solidarität: zum Raum für die Gabe des Menschen, “in der Welt und in sich selbst überall kleine und große Kunstwerke zu sehen“. Das Publikum, das dem Geschehen schon begeistert gefolgt war, bedankte sich mit enthusiastischem Applaus.