„Bumm. Bumm. Tschack“
Die Uraufführung kurz vor dem Pfingstfest empfiehlt die gleichsam theologische Betrachtung des Bühnengeschehens. Zur Vorbereitung der nächstjährigen Predigten zum Fest sei der hoch-, gewöhnlich-, nieder- und nichtgeweihten Geistlichkeit ein Besuch im Hannoverschen Schauspiel allemal empfohlen. Jedenfalls verspräche ihr eine solche Exkursion eine Menge Inspiration. Freilich in einem ganz anderen Sinn als vielleicht erwartet. Schon die Bezeichnung für das Geschehen auf der Bühne – „Theater“ – legt des Lieben Gottes Anwesenheit nahe. Nach christlicher Auffassung mithin auch die des Heiligen Geistes. Letzterer in einer säkularisierten Gesellschaft immerhin noch ein Notname für terminologisch sonst kaum Fassbares oder mindestens eine leidlich taugliche Analogie. Doch selbst auf solch‘ vermeintlicher Schwundstufe eröffnet sich Raum für das Wunderbare. Oder gerade dort. Denn Herbert Fritsch und das Ensemble des Hannoverschen Schauspiels haben ihn ganz gewiss, den „Geist“. So zeigt sich denn der Autor, Spielleiter sowie Bühnen- und Kostümbildner in Personalunion samt den Seinen inspiriert von den Offenbarungen sinnbefreiten Spiels. Die Grundsituation ist ebenso einfach wie denkbar vertraut - jedenfalls den, mit dem Nachwuchs die Kindervorstellung eines Zirkus besuchenden, Erziehungsberechtigten. Wenn nämlich die Erwachsenen zu der Sprösslinge Ergötzen in die Manege zitiert werden, um in ein statisch bedenkliches, doch letztlich haltbares Konstrukt eingebaut zu werden. Ähnliches gilt für die Kernsituation, von der aus die meisten Geschehnisse an diesem Abend sich entfalten. Rücken an Rücken gehen die Spielenden in die Hocke, auf dass sie sich – noch immer stützt Buckel den Buckel – zu neuerlich sicherem Stand erheben. Weil doch Gemeinschaft so schön ist, fällt Trennung schwer. Deshalb bleibt man beieinander und formiert sich zur optisch reizvollen Riege. lebendigen und überdies sprechenden Standbildern. Magisch in ihrer Selbstreferentialität und endlos repetierten Schleife. Wie die Choreographie, so wiederholt sich im Dialog immerfort jene Gruppendynamik, die es zur wechselseitigen Stärkung der Rücken und Bekräftigung gemeinschaftlichen Erlebens braucht. Prägnant die chorische Formulierung solchen Konsenses: „Bumm. Bumm. Tschack.“ Dennoch entlarvt sich das Kollektive niemals als herrschsüchtig. Wiewohl ein Gemeinschaftswesen, bleibt jede und jeder Einzelne kenntlich. Fritschüblich treiben Akrobatik, Slapstick und Nonsens ihr Wesen bis in die Nebengeschehen hinein: endlos in ihre Mobiltelefone hineinquasselnden Passanten, irrwitzigen Kungfukämpfen, Clownerien. Wenn sich gegen Ende unter ihren hohen Kegelhüten die circensischen Spaßmacher umstandslos in tanzende Derwische verwandeln, so enthüllt spätestens hier der Abend seine spirituelle Dimension. Ob akrobatisch oder – angesichts der sich ins Transzendente hineindrehenden Sufis – mystisch, immerfort geht es anarchisch zu, freilich weder regellos noch gar chaotisch. Eine Utopie, gewiss. Doch ist dafür die Bühne der richtige Ort. Zumal beim Hinzukommen von Musik. Charlie Casanova wählt für den über das Parkett rangierten Flügel Noten aus Barock, Klassik und Romantik. Akrobatisch fegt sie über Tasten und Korpus. Letzteres geradezu halsbrecherisch. Doch agiert das gesamte neunköpfige Ensemble des anderthalbstündigen Abends hochvirtuos und schlicht hinreißend.