Übrigens …

Antony and Cleopatra im Theater Koblenz

Staatsfrau statt Vamp

Nein, diese Cleopatra ist keine femme fatale. Dafür durch und durch Königin. Im Vollbesitz der finanziellen und militärischen Machtmittel ihres Reiches. Die Monarchin schöpft aus unermesslichen Ressourcen. Schwelgt im Luxus nicht aus Verschwendungssucht, vielmehr bezeugt der Überfluss ihre Auserwähltheit. Knauserigkeit würde sie dem Volk verdächtig machen. Ihr Frausein bedeutet für’s Amt kein Hindernis. Ägypten ist Staatsfrauen beinahe von jeher gewohnt. Ganz anders in Rom. Dort herrschen ausschließlich Männer. Frauen dienen als bloße Verfügungsmasse. Ehen werden geschlossen, um Männerbündnisse wie das zwischen Caesar (nicht der Diktator, sondern der spätere Augustus) und Antony zu besiegeln. Eine Frau an der Staatsspitze? In Rom undenkbar.

Regisseur und Hausherr Markus Dietze präpariert in der Deutschen Erstaufführung des 2022 in San Francisco erstmals herausgekommenen Werks die arg verschiedenen Gesellschaften an Nil und Tiber messerscharf heraus. Tonsetzer Adams als sein eigener Librettist liefert dem Ansinnen mit seinen beiden Co-Autorinnen Elkhanah Pulitzer - Regisseurin der Uraufführung - und Lucia Scheckner – der damaligen Dramaturgin - freilich eine Steilvorlage. Die fünf Akte des Shakespearedramas zeigen sich auf zwei reduziert, die 42 Rollen auf zwölf. Das Historienpanorama weicht so einer Verdichtung, die Spielleiter Dietze erlaubt, gleichsam am offenen Herzen zu operieren. Um bei Caesar eines aus Stein freizulegen. Friedliche Koexistenz der beiden mediterranen Großmächte ist Caesar ein Graus. Sein Trachten zielt auf Eroberung und Unterjochung. An Roms und seines Herrschers Wesen soll die Welt genesen. Wie völlig anders geht es in Ägyptens Hauptstadt Alexandria zu. Die Mischkultur aus altägyptischem Erbe und mit den griechischen Eroberern gekommenem Hellenismus zeigt sich offen gegenüber Einflüssen von außen. Antony erkennt die mit solcher kulturellen Flexibiliät einhergehende Gelegenheit zu einer Allianz mit der Ägypterin, geeignet, ihm und ihr die Vorherrschaft über den östlichen Mittelmeerraum zu sichern. Keine Frage, der Triumvirn und die Pharaonin sind ein Liebespaar. Doch in mindestens gleichem Maß geostrategisch agierende Verbündete.

Für alles dies findet John Adams eine sich klar von früheren Opern wie Nixon in China absetzende Klangsprache. Die Partitur zu Antony and Cleopatra bezeugt die Kompromisslosigkeit, ja Unerbittlichkeit des Spätwerks. Melodische Eingängigkeit, packende Arien samt hochdramatischer Ballungen und psychologischem Thrill sind für den Tonsetzer von gestern. Offenbar wehrt Adams nun jeglicher Konsumhaltung des Publikums, um zu genauestem Hinhören zu nötigen. Wer sich darauf einlässt (was das zahlreich erschienene Koblenzer Publikum in der besuchten Vorstellung durchweg leistet), vernimmt den aufregenden Kontrast von gleichsam gestrichelten und mit dem Federhalter hingeworfenen Mikrostrukturen, einer Art in Musik übertragenen QR-Codes einerseits und andererseits einer architektonisch-übergreifenden Makrostruktur. Wobei Letztere in Rom ungeheuer kompakt im Raum steht, hingegen in Alexandria um einiges feingliedriger. Die Gesangspartien suchen mit den Worten zu verschmelzen, doch bleiben sie bisweilen – mag sein, aus übermäßiger Rücksicht auf Shakespeare - lediglich an ihnen kleben.

Wie auch immer: Daran, dass Ägypten trotz kultureller Offenheit kein Utopia ist, lässt Regisseur Dietze nicht den Hauch eines Zweifels. Am Tiber wie am Nil setzt sich durch, wer bereit ist, mit äußerster Brutalität dreinzuschlagen. Caesar stößt die Köpfe seiner Untergebenen auf die Tischplatte, Kleopatra bedient sich gar des Dolches. Es bedarf dazu regelrechter Kampfchoreografie. Eduard Burza leistet hier ganze Arbeit.

Alles dies trägt sich in Bodo Demelius‘ repräsentativ-abstrahierendem Einheitsraum zu. Auf drei Seiten führen Stufen zur schwarz verspiegelten Fläche herab, über die sich ein nach vor- und rückwärts verschiebbarer Steg legt. Den Hintergrund nimmt die Projektionswand für Georg Lendorffs die jeweiligen Schauplätze konkretisierenden Videos ein, so Roms Pantheon. Bernhard Hülfenhaus kleidet Kleopatra abwechselnd in Ägyptisierendes und Heutiges. Ob nun Pharaoninnenlook oder figurbetonender Hosenanzug, beides stylish. Die Herren tragen meist Blazer und Krawatte, stecken indes als Tribut an das klassische Altertum in Röcken.

Wie szenisch, so ist in Koblenz Adams‘ neueste Oper musikalisch ein Riesenwurf. Seit eh und je und längst auch unter Lorenz Höß nehmen Chor und Extrachor des Hauses durch Klangpracht und Spielfreude ganz unbedingt für sich ein. Der regieführende Intendant wuchert mit diesem Pfund. Jede einzelne Choristin und jeder Chorist darf sich von ihm gesehen und individuell gezeichnet wissen. Enrico Delamboye behält mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz die rhythmischen Vertracktheiten der Partitur uhrwerksgleich im Griff. Mehr noch, Dirigent und Klangkörper tarieren Mikro- und Makrostruktur der Partitur perfekt miteinander aus. Michael Engels Tuba befördert den Eindruck, dass hinter den Römerfeldherrn ganze Legionen aufmarschieren. Straight, tough und mit dem majestätischen Willen zur Macht verkörpert Danielle Rohr die mit allen Wassern der Staatskunst und Diplomatie gewaschene Kleopatra. Stimmlich beglaubigt Rohrs gleichermaßen schlanker und strahlkräftiger Mezzo die Staatsfrau. Eine Idealbesetzung. Hell und höhensicher der Bariton, den Andrew Finden für Antony aufbietet. Hausheld Tobias Haaks weiß Caesar tenoral glanzvoll gegenüber dem Volk in Szene zu setzen, schreckt aber nicht davor zurück, Feinde und selbst Freunde handgreiflich und vokal niederzuschmettern. Mit diesen dreien vereinen sich alle Weiteren zum famosen Ensemble aus einem Guss.

P.S. Alle Achtung, wie die Koblenzer die Bühne in ihrem Ausweichquartier, dem Theaterzelt auf dem Ehrenbreitstein, im Griff haben. Szenisch sind in den bislang erlebten Produktionen keine Einbußen zu verzeichnen. Musikalisch lassen sich die von der Seitenbühne aus aufspielende Staatsphilharmonie und die Akteurinnen und Akteure auf der Bühne bestens koordiniert vernehmen. Bei solchem Standard schluckt man einigermaßen willig die Kröte der Mikrofonie.