Übrigens …

Bevor es ganz dunkel wird im Theater Koblenz

Kunsttherapie existenziell

Diese Geschichte schrieb das Leben. Wohl kaum hätte sie sonst vor den Augen von Verlag und Theaterleitungen Bestand gehabt. Was Komponist Jake Heggie und sein Stammlibrettist Gene Scheer bei einem Abendessen aus dem Mund eines ihnen bekannten Musikjournalisten erfuhren, nimmt sich wie völlig an den Haaren herbeigezogen aus. Dennoch wurde daraus eine packende, beim Remembrance Festival in Seattle vor zwei Jahren uraufgeführte, rund einstündigen Kammeroper: Mac, körperlich und seelisch schwerst gezeichneter Vietnamveteran hart an der Grenze zu gänzlicher Verwahrlosung, erfährt von einer im fernen Prag auf ihn wartenden Erbschaft. Als Nachkomme seines Urgroßonkels, des Kunstsammlers Emil Freund, stehen ihm 30 von der braunen Bande geraubte und nach der Befreiung im Jüdischen Museum der tschechischen Kapitale deponierte Gemälde zu. Um das Erbe anzutreten, macht sich der US-Amerikaner aus bildungsfernem Milieu von Chicago an die Moldau auf. Wo sich die Museumsmitarbeiterin Misha seiner annimmt, ihm die Lebensgeschichte des Urgroßonkels, dessen Kunstsammlung und das jüdische Leben Prags vor dem nationalsozialistischen Terror nahebringt. Fortschreitend lebt sich der faszinierte Mac in die Kunstbegeisterung Emil Freunds und die von diesem hinterlassenen Gemälde ein. Doch verbietet der tschechische Staat die Ausfuhr der nun zum „nationalen Kulturgut“ erklärten Kunstwerke. Zurück in den Staaten, reflektiert Mac darüber, wie die Biografie des Erblassers und dessen Kunstsammlung seine Seele bis ins Innerste berührt haben. Heggies dramatisch durchpulste Partitur lässt Anklänge an Gospel, Jazz und Klezmer vernehmen. Die Faktur ist unüberhörbar die des Komponisten von Dead Man Walking: unmittelbar eingängig, atmosphärisch dicht, immer an der Sprache orientiert, dabei außerordentlich sanglich.

Zur deutschen Erstaufführung gelangt Heggies jüngste Oper auf der Probebühne 4 des Koblenzer Theaters, neben der vom Namen bezeichneten Funktion, Heimstatt für Avantgarde und Kammerspiel. Heiko Hentschel, Regisseur und Bühnenbildner in Personalunion, stellt mitten auf die dreiseitig von Zuschauerreihen gerahmte Spielfläche ein winziges Podium, Fokus und Rückzugsinsel zugleich. Auf der von Stuhlreihen freien Seite des Saales befindet sich die Projektionsfläche für Stefanie Rübensaals filmische Assoziationen zu Gemälden der Freundschen Sammlung, ferner cineastische Vergegenwärtigungen eines gottverlassenen amerikanischen Provinznests und Prager Vorkriegsstraßen sowie Closeups der Spielenden. Von der Saaldecke zeigen sich leere Bilderrahmen in Einheitsweiß herabgelassen.

Hentschel führt den Vietnamveteranen als kaum noch kommunikationsfähigen Waffennarren ein. Der immerhin unter Aufbietung letzter körperlicher und seelischer Reserven vermag, in Erbschaft und Reise nach Prag die Gelegenheit zu erkennen, seine heimische Misere zu verlassen, um Bekanntschaft mit dem Ganz-Anderen zu schließen: dem bildungsbürgerlichen Vorfahren und der Kunst selbst. Die für das Publikum, nicht aber für ihn leeren Bilderrahmen umhegen Imaginäres, aus dem er Trost und seelischen Zuspruch erfährt. Die Mitarbeiterin des Jüdischen Museums erweist sich als ebenso fachkundige wie empathische Kunst- und Stadtführerin. Dies ihre realistische Seite. Doch stellt sich alsbald der Verdacht ein, sie nicht allein von der Museumsleitung mit Rics Betreuung beauftragt zu wähnen, vielmehr scheint in ihrer Gestalt überdies eine wohlwollend höhere Instanz zu walten. Geschichte? Gerechtigkeit? Humanität? Wer weiß. Jedenfalls wären selbst diese Kräfte nicht allmächtig, wären doch auch sie unvermögend des Erben Enteignung durch den tschechischen Staat zu wehren.

Musikalisch überzeugen die Koblenzer auf ganzer Linie. Karsten Huschke drängt mit den Streichern des „Meander Quartetts“ sowie den Musizierenden an Klavier, Flöte, Klarinette und Kontrabass einerseits das Drama voran und sorgt andererseits für kristallklar ausgehörte Momente des Innehaltens. Vokal und spielerisch beglaubigt Bariton Andrew Finden beide Seiten von Macs Persönlichkeit, den in prekären Verhältnissen gestrandeten Vietnamveteranen wie den durch die Gemälde der Kunstsammlung des Urgroßonkels existenziell gepackten Erben. Haruna Yamazaki verleiht der Museumsmitarbeiterin Misha so einiges an Dramatik.

Heggies Novität umgeben die Koblenzer mit einem von Heiko Hentschel konzipierten Rahmen aus Introduktion, Pro- und Epilog. Der musikalische Teil ist den beiden in Konzentrationslagern umgekommenen Komponisten Erwin Schulhoff und Hans Krása gewidmet. Ergreifend vor allem Hans Krásas den Abend beschließende Passacaglia und Fuge für Streichertrio aus dem Jahr 1944. John von Düffel hat nicht allein Heggies Oper in musikalisches Deutsch übertragen, sondern auch die sich mit Kunstbetrachtung und Kunsterlebnis auseinandersetzenden Texte für den Pro- und Epilog verfasst. Letztere gewinnen vor allem durch den Vortrag des Schauspielers David Prosenc. Wolfram Hartleif hat den für Laiinnen und Laien ausgezeichnet deklamierenden Sprechchor einstudiert. Im ersten Teil des Prologs sprechen darin Jugendliche und junge Erwachsene über ihre Befürchtungen hinsichtlich Klimawandel, Rassismus und Kriegsgefahr. Das Vorbild für Mac in Heggies Oper – Gerald McDonald – erlebte die Rückerstattung der Gemälde durch den tschechischen Staat im Jahr 2008 nicht mehr. Doch seine Verwandten. Michaela Hájková, aus der die Misha der Oper wurde, hatte einen für die Nachfahren Emil Freunds erfolgreich ausgegangenen Rechtsstreit angestrengt. Ab 17. Oktober wird die Produktion wiederaufgenommen.