Ehekrieg an der Käsetheke
„Wer mag denn diesen Scheiß-Morbier?“ zitiert Roberto (Gerrit Jansen) seine schimpfende Ehefrau Odile in seinem hoch-komischen Monolog über einen gemeinsamen Supermarkt-Besuch, der im dicksten Ehekrach endet. Roberto sollte nämlich Schweizer Käse kaufen und hat es vergessen. Der bittere Witz des Alltags kommt rüber, das Glücklichsein klappt nicht. Hier nicht und auch kaum in den anderen elf Monologen.
Der Abend basiert auf dem Episoden-Roman Glücklich die Glücklichen der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza aus dem Jahr 2014. Darin knöpft sie sich die gehobene Pariser Mittelschicht vor, mit brillantem Sprachwitz und einfühlsamer Menschenkenntnis. Im Milieu von Journalisten und Ärzten, Künstlern und Ingenieuren lässt sie alltägliche Reibereien und Missverständnisse aufscheinen zwischen Frauen und Männern, Eltern und Kindern, Kollegen und Freunden. 18 Menschen tauchen im Roman auf, 12 davon lässt Regisseur Oliver Reese jetzt auf der Nebenbühne des Berliner Ensembles, dem Neuen Haus, lebendig werden.
Das Einheitsbühnenbild besteht aus einem bühnenbreiten Kasten mit grau-brauner Holzvertäfelung im Retro-Stil, der nah ans Publikum herangebaut ist. Wie von Wunderhand öffnet sich diese Wand für die Auftritte der zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler, die die 12 Rollen in Solo-Partie spielen. Überraschend zudem, dass einige der Holzpaneele aufklappbar sind, hinter denen Kühlschrank, Spielautomat oder Alkoholbar zum Vorschein kommen.
Was passiert? Die Vorstellung beginnt mit Virginie (Amelie Willberg). Sie deponiert eine Menge Wasser- und Limonadenflaschen in einem Vorratsschrank für ihre Großtante. Dabei muss sie Edith Piaf anhören, deren Gesang sie nervt. Die Tante ärgert sie mit der Frage, wann sie endlich heiratet. „Ich bin 25, ich habe noch alle Zeit der Welt“, antwortet die junge Krankenschwester, gesteht aber dann, dass sie sich platonisch in einen Mann verliebt hat, dem sie im Fahrstuhl näher gekommen ist. Das Glück könnte kommen, aber wie? Beim nächsten Protagonisten glimmt ein kleine Glückshoffnung auf, die mit seinem Tod zu tun hat. Ernest (Martin Rentsch) hofft im Selbstgespräch mit seiner Frau, dass sie die Asche in dem Fluss Braive verstreut, was diese offenbar ablehnt. Argument: Du wünscht dir immer nur das, was dein Vater schon wollte.
Machohaft unsympathisch kommt Oliver Kraushaar als der Affären sammelnde Darius daher, der nicht ertragen kann, dass seine Frau Anita einen Landschaftsgärtner als Geliebten hat und ihn deshalb verlassen will. Eher traurig wird es bei Hélène (Cordelia Wege), die einen Seitensprung mit sexueller Unterwerfung gesteht.
Besonders komisch werden die Darsteller:innen, wenn sie einen Ehekrach schildern. In Comedy-Manier hören wir, wie Roberto mit falschem Käse den Ehekrieg entfacht oder Roule ((Oliver Kraushaar) durchdreht, weil seine Frau beim Bridge seine Spielweise nicht versteht und die falsche Karte zieht. Unter dem Strich kommen die Männer schlecht weg, vor allem wenn sie fremd gehen. Die Frauen haben auch Geliebte, empfinden die Affären aber ernster.
Yasmina Reza hat ihren Roman aus Zweiersituationen zusammengebastelt, die jeweils aus der Sicht einer Figur erzählt werden. Dem folgt Regisseur Oliver Reese und lässt alle Geschichten im Solo spielen. Dieses Konzept erfüllen die zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler mit Bravour und hoher Präsenz.
Ab der siebten, achten Episode lässt die Brillanz etwas nach, aber darstellerisch bleibt es ein sehenswerter Abend. Die im Roman angedeuteten Beziehungen zwischen den Episoden, von Ehepartner über Verwandte bis zu Geliebten sind bei dieser Konzeption kaum nachvollziehbar, müssen es aber auch nicht sein. Es funktioniert die Idee, dass im Kopf Bilder entstehen über die prinzipiellen Schwierigkeiten von Zweierbeziehungen mit ihrer alltäglichen und überflüssigen Kleinlichkeit und einer latenten bis explosiven Streitbarkeit. Der Titel Glücklich den Glücklichen ist nur ironisch zu verstehen. Obwohl im Gegensatz dazu die Figuren eher unglücklich und einsam wirken, gelingt ein unterhaltsamer Abend.