Vertrieben und verraten
Dem Sohn der Stadt, Peter van Pels, will das Theater Osnabrück zu dessen 100. Geburtstag ein Mahnmal setzen. Peter van Pels war allerdings keiner der „großen Osnabrücker“, hat weder eine Erfindung gemacht, noch es zum Verteidigungsminister gebracht. Van Pels war einer derjenigen, den die Stadt ausgestoßen hat, weil er Jude war während der Nazi-Herrschaft. „Berühmtheit“ erlangte van Pels, weil er Mitflüchtling war von Anne Frank, versteckt in einem Hinterhaus in Amsterdam.
Dessen Geschichte erzählt Anno Schreier in seiner Oper, die im Osnabrücker Theater uraufgeführt worden ist. Er hält sich dabei eng an Fakten, lässt aber die Auslotung der handelnden Charaktere schmerzlich vermissen. Im Endeffekt ist die Oper ein historischer Bilderbogen, der bisweilen für den berühmten Aha-Effekt sorgen mag, aber eigentlich völlig unberührt lässt. Das ist bei einem solchen Sujet eigentlich sehr ungewöhnlich. Woran liegt das also?
Schreier und sein Librettist Joscha Schabeck scheinen die Vorgänge um van Pels eher als von Außen betrachtende Historiker zu begreifen, denn als Mitfühlende oder -leidende. Sie erzählen sehr genau, wie van Pels aus Osnabrück vertrieben wird und schließlich mit Anne Frank im Versteck landet. Sie beschreiben eine zarte Liebesbeziehung zwischen Anne und Peter ebenso wie ständige Angst, aber auch Streit, der aus dem engen Zusammenleben entsteht. Aber Schreier und Schabeck tun das nur als Chronisten, bleiben stets sehr weit entfernt von den Charakteren, versuchen diese nicht auszuloten, kratzen nur ein wenig an der Oberfläche. Dennoch versuchen sie ihrem Werk Schwere und Gravität zu verleihen. Diese Versuche bleiben jedoch sehr plakativ und grenzen bisweilen an Peinlichkeit. Schabeck versucht seinem Libretto durch permanente Wiederholungen ein Gewicht zu verleihen, dass es nicht besitzt. Denn auch Schreiers Musik, die aus vielen Stilkopien zusammengesetzt ist, will keine eigenständige, auf die Handlung abgestimmte Sprache gelingen.
Osnabrücks Intendant, Ulrich Mokrusch, kann der Musik auch nicht wirklich etwas entgegensetzen, schafft es aber durch seine Personenführung ein Beziehungsgeflecht zwischen den Familien Frank und van Pels zu spinnen und so etwas wie eine Figurenkonstellation zu entwerfen. Doch auch er bleibt in der Regel an der Oberfläche, kann keine wirkliche Verbindung herstellen zwischen Publikum und Geschehen auf der Bühne. Und deshalb bleibt Peter van Pels eine Geschichtslehrstunde, die junge Osnabrücker:innen sicherlich ein Stück Vergangenheit deutlich machen kann - ohne aber wirklich zu berühren. Schreiers Peter van Pels ist ein Stolperstein, über den niemand wirklich stolpert, der nicht irritiert, aber immerhin ein Stück Stadtgeschichte zur Kenntnis gibt. Ein emotionale Beziehung wird allerdings nirgendwo kreiert. Da wird eine Chance vertan.
Dabei gibt das Osnabrücker Ensemble alles, um die Figuren lebensecht zu gestalten. Jan Friedrich Eggers ist als Otto Frank jemand, der beschwichtigt und Konflikte im Versteck ausgleichend zu beenden versucht. Eggers singt leise, kann in entscheidenden Momenten aber auch nachdrücklich prononcieren. Susann Vent-Wunderlich untermauert ihren Status als „Hausdiva“, verteidigt ihren Sohn Peter mit leuchtenden Farben und ausgefahrenen Krallen. Susanna Edelmann ist Anne Frank, die stets auf der Suche ist und Fragen an das Leben stellt. Ihre zarte Romanze mit Peter betrachtet sie vor allem als Experiment, schildert das mit leuchtendem Sopran, streut aber immer auch beschattete, traurige Momente ein. Florian Wugk ist Peter van Pels, der mit schlankem, schönem Tenor die Nöte eines post-pubertierenden jungen Mannes offenbart.
Das Osnabrücker Symphonieorchester unter Benjamin Huth bringt die Farbigkeit der Partitur zum Ausdruck, betont so Anno Schreiers Schokoladenseiten. Das Premierenpublikum applaudierte ausdauernd. Das ist whrscheinlich dem empfundenen Lokalbezug geschuldet. Gerade ob der mangelnden Emphatie bei der Figurengestaltung und einer nicht mehr als gefälligen Partitur, lässt der Abend eher ratlos, vielleicht sogar enttäuschend zurück.