Ein Jahr voller Hoffnungen: 1989
Das „House“ steht für den Spielort, die Volksbühne Berlin, die „Hopes“ sind bezogen auf das Jahr 1989. In der Volksbühne trafen sich im Herbst 1989 oppositionelle Theater- und Kulturschaffende der DDR zu Protesten gegen die Regierung und Debatten um die Zukunft der Republik. Die Versammlungen vor Ort und in anderen Theatern, Kirchen und auf Marktplätzen mündeten in Großdemonstrationen, Mauerfall, Ende der DDR und Wiedervereinigung. Von dieser nationalen Revolution erzählt der Abend aber nicht.
Die Aufführung nimmt das Jahr 1989 zum Anlass internationale Bewegungen und Volksaufstände gegen Diktaturen in den Blick zu nehmen und die damit verbundenen Hoffnungen auf Demokratisierung und Freiheit. Es geht rund um den Globus mit Hilfe von sogenannten „Expert:innen des Alltags“ aus Afghanistan, Chile, Namibia, Iran, Südkorea, Ungarn, Rumänien, Polen, China, USA. Aus diesen zehn Ländern tritt jeweils ein Mensch auf, blickt in unterschiedlichen Erzählformen auf das Jahr 1989 zurück, persönlich und politisch. Sieben von insgesamt zehn inszenierten Episoden kann man als Zuschauer:in erleben. Mit Gewinn für Wissen und Gefühl.
Anoush Azizi, aus dem Iran stammend, in Berlin lebend, bietet ihre Geschichte beeindruckend und einfühlsam in einer einheimischen Theaterform: „In meiner Heimat Iran gibt es die Vorhang-Erzählung Pardeh-Kh?ni: Eine Art Theater, von einem Mann mit Stab erzählt. Heute bin ich die Erzählerin.“ Anoush steht vor einem breiten bemalten Vorhang und zeigt mit ihrem beleuchteten Stab auf Bilder von Menschen und Motiven aus Familie, Landschaft und von Machthabern: „Ich werde geboren in einem Land mit einem König - dem Schah. Als ich zwei Jahre alt bin, wird der Schah vertrieben. Die Islamische Revolution beginnt unter der Führung von Ayatollah Khomeini. Er spricht über seine Gegner in der Sprache der Hinrichtungen“. Die islamische Republik verbietet alles aus der Schah-Zeit: Bücher, Videokassetten, Popmusik, Tanzen, Alkohol, für Frauen das Zeigen der Haare und für Beamte das Rasieren. 1989, nach dem Tod von Khomeini gibt es mehrere Wellen der Hoffnung auf ein Ende der Diktatur, die alle fehlschlagen. Und da Anoush eine leidenschaftliche und hervorragende Tänzerin ist, was sie dem Publikum vorführt, verlässt sie das Land.
Israel Kaunatjike, ein Herero, erzählt nüchtern, illustriert mit projizierten Fotos, von seinem Exil in Berlin, vom Ende der Apartheid und der der Unabhängigkeit seines Landes: „1989 war die große Veränderung in Namibia. Ein freies Land. Freie Wahlen und das Recht zu klagen. Aber viel haben wir noch nicht erreicht, nicht nix.“
Homan Wesa, Theatermacher aus Afghanistan, in Berlin lebend, veranlasst Freiwillige aus dem Publikum riesige Puppen zu führen, um das Auf und Ab seines Landes zu dokumentieren. 1989 ziehen die Sowjettruppen ab, Bürgerkriege und US-Interventionen lassen Hoffnungen aufkeimen und wieder versinken. Bis die Taliban das Land in Hinrichtungen, Prügelstrafe, Frauenentrechtung, Hunger und Armut führen.
Für Rumänien folgt eine Inszenierung über die Zeitzeugin Anca Berlogea-Boariu. Sie lässt ihre Erinnerungen an 1989 und die Absetzung von Diktator Ceaucescu spielen von Till Gedack, einem Schauspieler aus dem neuen Ensemble der Volksbühne mit Klavierbegleitung von Sir Henry, einem Schüler von Karlheinz Stockhausen.
Der Auftritt von Joanna Kusiak, in Berlin wohnend, aus Polen stammend, ist am opulentesten inszeniert. Auf der großen Drehbühne steht der runde Tisch von Warschau nachgebaut, der im Februar 1989 tagte. 60 Zuschauer:innen sitzen jeweils vor einem Namensschild, das stellvertretend für eine bedeutende Person Polens steht. Hochrangige Vertreter der kommunistischen Regierung treffen sich mit den Führern der Gewerkschaft Solidarno??, mit Intellektuellen und Journalisten von Untergrundzeitungen. Joanna stellt einige vor und lässt sich spektakulär mit der Seilwinde hochziehen, um eine andere Zuschauergruppe zum Thema China auf der Hebebühne zu beobachten. Da alle Kopfhörer tragen, hören die einen nur die chinesische Expertin, die anderen nur die polnische. Trotzdem passen die riesigen Projektionsbilder zu beiden Ländern. Sehr beeindruckend.
Bespielt wird das ganze Haus, von der Bühne zum Rang, vom Roten Salon bis zu den verschiedenen Foyers. Die Geleitung der Zuschauergruppen funktioniert erstaunlich fließend. Die Logistik ist bewundernswert. Wie der gesamte Abend. Er ist lehrreich und einfallsstark, er zeigt variable Erzählformen, die alle hinweisen, dass die Freiheit ein starkes Motiv ist und bleibt, dass die Zeiten wechseln können. Zum Aufbruch, leider auch manchmal zum Tiefschlag.