Ästhetisch, poetisch und animiert
Ein alter Theaterspruch lautet: „Die Mimen, sie sind nicht wirklich tot, denn sie werden noch gebraucht für die nächste Vorstellung“. Bernadette Sonnenbichler, die neue Intendantin des Heidelberger Theaters, münzt diese launige Anmerkung in ihrer Inszenierung von Romeo und Julia um in das Prinzip Hoffnung. Die beiden Liebenden erheben sich von ihrem Todeslager und schwören die Menschheit in liebevoller Umarmung ein auf eine bessere Welt. In der Grabenkämpfe und Egoismen, Machtansprüche und pervertierter Familiensinn keinen Platz mehr haben.
Eine Utopie? Die Regisseurin kleidet ihre Idee vom Shakespeare-Klassiker in ein ästhetisch fundiertes Konzept, in dem Raffinesse der Kostüme - Rot die einen, Schwarz für die anderen, mit leichtem Spott des Renaissance-Glanzes - und unaufdringlich-konsistente Bühne mit genau austarierten Bewegungsabläufen korrespondieren. Der im Lauf des Abends immer schräger gestellte Bühnenboden gibt immer weniger Halt, die Figuren sind vom Absturz bedroht.
Bernadette Sonnenbichler garniert „ihren“ Shakespeare mit Prolog und Epilog und gibt sowohl der Amme (Henriette Blumenau) als auch dem Bruder Lorenzo (Marcus Horn) mehr Gewicht, so dass die mädchenhafte Julia (Kaya Loewe) und ihr jungenhafter Romeo (Salar Jafari) Führung und Reibung, Zuwendung und Kontrapunkt erfahren. Kleine textlich zeitnahe Einschübe der Identity-Autorin Mithu Sanyal spiegeln das Stück am Heute.
Das Ensemble insgesamt agiert überzeugend, und Sonnenbichler feiert mit ihrem Team einen gelungenen Einstand. Schön, dass es das Theater gibt - und auf einige neue Akzente darf sich das Publikum freuen.