Desdemona aus der Dunkelkammer
Sie knipst und knipst. Holt immer wieder die Kamera raus und fotografiert ziemlich wahllos alles, was ihr vor die Linse kommt. Wie sich eine Kriegsfotografin eben so verhält, wenn sie auf einer Theaterbühne agiert und ein Regisseur sie in den Vordergrund rücken will. Ihr Name: Desdemona.
Desdemona ist bekanntlich die Frau des Feldherrn Othello -- beziehungsweise, weil wir bei Verdi sind, Otello. Da Regisseur Leo Muscato die auf Zypern spielende Oper für seine Bonner Produktion aber im Putsch-Jahr 1974 ansiedelt, weist er der weiblichen Hauptfigur gleich noch eine andere Rolle zu und lässt, wenn es geboten erscheint, eine kleine Dunkelkammer in die wuchtige Palastkulisse hineinschieben. Sieht ganz nett aus und hilft bei der zeitlichen Einordnung, hat aber zur Profilierung der Figur wenig Sinn.
Auf der anderen Bühnenseite kommt ein Schlafzimmer zum Einsatz, wenn das liebende Paar sich im ersten Akt zurückzieht oder der eifersüchtige Feldherr seine Frau am Ende ermordet. Für das Liebesduett hat sich Leo Muscato etwas Besonderes ausgedacht: Er lässt das Paar vom Rotlicht der Dunkelkammer ins Schlafzimmer hinüberwechseln, doch bevor Otello zur Gattin ins Bett steigen kann, hängt symbolträchtig sein Gürtel von der geöffneten Hose herab. Er verzweifelt, sie tröstet, und der Zuschauer rätselt: Soll das etwa seine baldige Raserei erklären? Hat nicht der Komponist Giuseppe Verdi an dieser Stelle zum poetischen Libretto Arrigo Boitos ein Bild puren Glücks entworfen, das den nachfolgenden Wahn des Titelhelden um so erschütternder macht?
Der Krieg und die Trauer um seine Opfer, ein nur nach außen starker Held, schließlich das kurz noch angedeutete Thema Femizid: Die Inszenierung tippt Themen an, die sich irgendwie mit dem Werk verbinden lassen, ohne eines davon wirklich in den Blick zu nehmen. Dafür klammert sie den Rassismus-Aspekt aus, weil kein „Mohr“ auf der Bühne steht und vom Untergebenen Jago psychisch zerstört wird (wie bei Shakespeare und bei Verdi), sondern nur ein schwarz gekleideter Mann. Das ist auch dank der Ausstattung und des Lichts mal dekorativ, mal ungelenk und irritiert ansonsten nicht weiter, wie der freundliche Schlussapplaus zeigte.
Den Erfolg garantiert natürlich die starke Musik des späten Verdi, zumal die vielbeschäftigten Chöre und das fabelhafte Beethoven Orchester Bonn gerade an den dramatischen Kulminationspunkten begeistern. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan beweist sein Händchen für die effektvollen Kontraste, hütet sich aber auch vor sentimentalen Schwelgereien, was manche Passagen wie das recht zügig musizierte Kuss-Motiv etwas blass wirken lässt. Seinem Ensemble kommt er damit gewiss entgegen, denn gerade der Titelheld kann seine Stärken besonders in den leuchtenden Tenor-Spitzentönen und den heroischen Ausbrüchen entfalten: George Oniani wird diesen Ansprüchen eindrucksvoll gerecht, lässt hingegen in den lyrischen Passagen Schwächen erkennen. Seine Sopran-Partnerin Katheryn Henry singt die Desdemona-Partie präzise und in den großen Soli des vierten Akts mit gebotener Innigkeit, fällt allerdings mit recht vibratosatter Stimmgebung auf: Womöglich wäre ihr geholfen, wenn sie nicht ständig herumrennen und fotografieren müsste. An der Spitze des durchweg zuverlässigen Ensembles leuchtet das Böse in Person: Simone Piazzola hat in seinem Bariton die tenoralen Farben für die heldischen Aspekte der Jago-Rolle, nutzt aber zugleich seine Piano-Kultur, um das Verschlagene der Figur zu illustrieren.