Tiefe Liebe - gnadenloser Fanatismus
Schon die ersten ein, zwei Minuten, die aus dem Orchestergraben tönen, signalisieren: hier hat jemand ein unglaublich sicheres Gespür für Stimmungen, lässt Atmosphäre entstehen, die sofort und auf ganz unmittelbare Weise greifbar wird. Es sind die Töne, mit denen Ethel Smyth ihre abendfüllende Oper The Wreckers beginnen lässt. Man hört nach ein paar fröhlich auftrumpfenden Sechsachtel-Takten ganz schnell die aufgewühlte See, sieht Blitz und Donner, fühlt die Schwärze der Nacht – und bekommt auf ganz subkutane Weise mit: irgend etwas stimmt hier nicht. Dann geht’s weiter mit friedlich-freundlich-süffigem Sound à la Brahms – in den hinein sich dennoch gleich wieder Unheil hineinschleicht. Und dann? Ein feierlicher Andante maestoso-Choral...
Wir sind im Süden Englands, irgendwo in Cornwall in einem abgelegenen Dorf. Da lebt ein Völkchen, das sich einbildet, das auserwählte Volk Gottes zu sein, „weiß gewaschen“ in den Fluten des Jordan. Pech nur, dass diese Menschen in Armut zu leben gezwungen sind und sich deshalb überlegt haben, vorbeifahrende Schiffe mitsamt ihrer begehrten Ladung am Strand zerschellen zu lassen. Einfach, indem man keine Leuchtsignale mehr gibt und damit das unvermeidliche Auflaufen fremder Schiffe herbeiführt. Die Beute reißt man sich dann kurzerhand unter die Nägel. Das Ganze nennt sich „Strandraub“ und die Leute, die so etwas machen The Wreckers –Strandräuber! Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige!
Doch mit diesem gar nicht so gottgefälligen Geschäftsmodell ist Mark, ein einfacher Fischer, nicht mehr ganz einverstanden und zündet heimlich und unerkannt warnende Leuchtfeuer an. Was nicht unbemerkt bleibt von den Dörflern, die den ihnen erst einmal unbekannten Saboteur suchen. Da kommt Thirza ins Spiel, die Frau des Dorfpredigers Pascoe, eines religiösen Hardliners. Thirza ist unsterblich in Mark verliebt – und er in sie! Sie unterstützt ihren heimlich Geliebten, womit sie sich ins Abseits begibt und im Dorf zur Außenseiterin wird.
Das alles klingt nach typischer romantischer Oper mit komplizierter Liebesgeschichte. Und genau das ist, was Ethel Smyth da auf ein Libretto des mit ihr sehr verbundenen Henry Brewster komponiert hat. Mark und Thirza sind am Ende der Oper die Schuldigen, werden von der fanatischen Gemeinschaft dazu verurteilt und gezwungen, sich auf ihren letzten Weg zu machen um gemeinsam in den Fluten des Meeres unterzugehen. Lawrence, der Leuchtturmwärter, hat dazu eine Art Tribunal inszeniert: der Mob ist unerbittlich!
Regie führt bei der Inszenierung im Landestheater Detmold Kirsten Uttendorf, seit Beginn der Spielzeit 2025/2026 Intendantin des für Nordrhein-Westfalen und weit darüber hinaus so wichtigen Hauses. Sie erzählt die Geschichte im besten Sinne geradlinig und schafft einprägsame Bilder, für die Jule Dohrn-van Rossum eine praktikable Bühne bereit stellt: eine karge, mit wenigen Requisiten auskommende Strandgegend. Das Volk auf der Bühne kleidet Claus Stump in Kostüme, wie man sie sich für das 19. Jahrhundert in einem südenglischen Fischerdorf vorstellt.
Musikalisch ist Ethel Smyths The Wreckers eine faustdicke Überraschung. Wie schon eingangs angemerkt, hält die Partitur vom ersten Takt an hohe Spannung, ist dramaturgisch packend angelegt, unglaublich fantasievoll instrumentiert, dynamisch klug ausgestaltet, mit rhythmischer Raffinesse gewürzt – und durch und durch sängerfreundlich! Wobei Smyth ihren Protagonisten – acht Rollen sind zu besetzen – einiges an Technik und Energie abverlangt. Das Detmolder Ensemble bleibt diesem generell sehr hohen Anspruch nicht das Geringste schuldig, im Gegenteil: was und wie da gespielt und gesungen wird, ist ein absolutes Plädoyer für eine Oper, die erst in den letzten Jahren gelegentlich mal zu erleben war.
Lotte Kortenhaus als Thirza und Ji-Woon Kim als Mark übernehmen die beiden zentralen Partien – sie mit immer wieder betörender Piano-Kultur, aber auch dynamisch weit ausgreifender Entwicklung; er mit leicht baritonal gefärbtem Tenor, der vor allem zu Beginn des zweiten Aktes mit Bravour einen Riesenmonolog über das Leben, die Liebe und den Tod stemmt, bevor er mit der zu ihm hinzustoßenden Thirza über Fluchtpläne nachdenkt – ganz großartige Musik! Marcel Brunner gibt den Dorfprediger Pascoe, Jonah Spungin den Leuchtturmwärter Lawrence; Johanna Nylund schlüpft in die Rolle der hier ziemlich prollig angelegten Avis, der Tochter des Leuchtturmwärters, die selbst mal in Mark verliebt war; Jaime Mondaca Galaz ist Lawrence’ Schwager, Nikos Striezel der Wirt der Dorfkneipe, Franziska Pfalzgraf dessen Kind Jack. Und dann ist da noch der von Francesco Damiani trainierte Opernchor (verstärkt vom Detmolder Extrachor), der große Auftritte zu absolvieren hat und dies mit markanter Durchschlagskraft tut.
Am Pult des glänzend spielenden Symphonischen Orchesters des Landestheaters steht Per-Otto Johansson, seit 2022/2023 Generalmusikdirektor des Hauses. Nicht nur, dass Johansson durchgehende Präzision bei der Koordination zwischen Bühne und Orchestergraben an den Tag legt – er lässt Smyths Musik auch in jedem Moment in unerschöpflich vielen Farben leuchten. Eine bessere Werbung für The Wreckers kann man sich kaum denken.
Ethel Smyth muss eine durchaus schillernde, selbstbewusste und in der Musikszene ihrer Zeit gut vernetzte Person gewesen sein, die 1858 in die englische Upper Class hineingeboren wurde. Ihr Vater: ein Offizier; ihre Mutter: eine Anglo-Französin. Ihr Musikstudium in Leipzig hatte Smyth sich bei ihrem Vater mittels eines Hungerstreiks erkämpft. Während ihrer Studienzeit lernte sie etliche Persönlichkeiten kennen, darunter Arthur Nikisch, Clara Schumann, Edvard Grieg und Johannes Brahms, später auch Peter Tschaikowsky. 1890 nach England zurückgekehrt, feierte sie mit ihrer Messe in D ihren Durchbruch als Komponistin. Die Arbeit zu The Wreckers begann 1902 zusammen mit ihrem Librettisten Henry Brewster, der – wie sie selbst – sehr frankophil eingestellt war. Unter anderem deshalb war das Libretto in seiner Erstfassung in französischer Sprache abgefasst worden. Die geplante Uraufführung in Covent Garden in London kam nicht zustande, die Aufführung 1906 im Neuen Theater in Leipzig (in deutscher Übersetzung und unter dem Titel „Strandrecht“) wurde dagegen ein Erfolg. Doch aufgrund gravierender Eingriffe in das Werk, über die Ethel Smyth sich beklagte, entzog sie dem Haus das gesamte Notenmaterial und damit die Grundlage für weitere Aufführungen. Erst die Produktion 1909 in His Majesty’s Theatre in London unter Thomas Beecham fand Smyths uneingeschränkte Zustimmung. In diese Zeit fällt Smyths Engagement für die englische Frauenbewegung, für die sie die noch heute gebräuchliche Hymne „The March of the Women“ komponierte.