Übrigens …

Mazeppa im Dortmund, Oper

Marionette im Marvel-Kostüm

Der Superheld fliegt von einem Krisenherd zum nächsten: mit flatterndem Cape, in futuristischem Anzug, auf dem Kopf einen Helm wie Iron Man. Im Theater Dortmund sieht der ukrainische Nationalheld Mazeppa aus, als habe er sich versehentlich von einer Comic-Convention in die Grand Opéra gebeamt. Hier ist er Titelheld der gleichnamigen Oper der Französin Clémence de Grandval, die einen betörend farbenreichen Fünfakter über Aufstieg und Fall des Militärführers komponiert hat. Regisseur Martin G. Berger verantwortet in Dortmund die szenische deutsche Erstaufführung dieses vom Palazzetto Bru Zane wiederentdeckten Juwels. Musikalisch gelingt der Coup glänzend - doch die Regie duckt sich vor dem nationalen und historischen Hintergrund Mazeppas weg.

Statt sich ins Spannungsfeld zwischen Polen, der Ukraine und Russland zu begeben, weicht Berger ins Land der Fiktion aus und versucht, das Spiel um Macht ins Zeitlose zu abstrahieren. In den deutschen Übertiteln hat er bewusst alle Hinweise auf die Orte der Handlung getilgt. Statt von der Ukraine ist nur noch vom „Land“ oder der „Heimat“ die Rede, der russische Zar wird zum namenlosen „Herrscher“. Der historische Mazeppa, 1640 im damals polnisch kontrollierten Teil der Ukraine geboren, wechselte politisch mehrfach die Lager. Viele Russen verachten ihn bis heute, weil er 1708 vom Zaren Peter I. zum Schwedenkönig Karl XII. überlief und im Bund mit ihm den Aufstand gegen Moskau wagte.

Effektvolle Ensembles und Massenszenen bietet Grandvals Oper, zudem die Rivalität zweier Männer um eine Frau. Als Mazeppa wie aus dem Nichts auftaucht, verliert Iskra die Gunst von Matréna, der Tochter des alternden Feldherrn Kotchoubey. Bildreich, inklusive Videos in Netflix-Ästhetik, zeigt die Regie, wie aus dem politischen Hoffnungsträger Schritt für Schritt der Verräter wird, den das Volk am Ende verstößt. Der versierte Einsatz der Technik verhilft den Figuren aber nicht zu Blut und Leben: Sie sind vor allem Ideenträger, ihre Beziehungen und Emotionen wirken erstaunlich blass.

Die Ironie des Abends besteht darin, dass nicht die Bilderflut, sondern vor allem die fantastischen Gesangsleistungen in Erinnerung bleiben. Zur Heldentat, diese Oper dem Vergessen zu entreißen, tragen Mandla Mndebele (Mazeppa), Anna Sohn (Matréna) und Sungho Kim (Iskra) erheblich bei. Der Bariton von Mandla Mndebele erobert Raum und Titelrolle eindrucksvoll: sonor, mit kraftvollem Volumen, aber auch mit verletzlichen Nuancen. In Sungho Kim, einem Tenor mit eindrucksvoll heldischer Strahlkraft, erwächst ihm ein Gegenspieler, den er tatsächlich fürchten muss. Und was Anna Sohn aus der Rolle der Matréna macht, grenzt an eine Sensation. Ihr biegsam-eleganter Sopran, der viele mädchenhafte Farben hat und zugleich eine phänomenale Durchschlagskraft besitzt, wird zum funkelnden Juwel dieser Premiere. In der abschließenden Wahnsinnsszene treibt sie ihn in haarsträubende Höhen, ohne einen Millimeter von ihrer feinen Linie abzuweichen.

Auch der Projekt-Extrachor und der Opernchor des Theaters Dortmund trumpfen stimmlich auf, bestens vorbereitet von Fabio Mancini. Artyom Wasnetsov (Kotchoubey) und Denis Velev (Archimandrit) fügen sich überzeugend in dieses Niveau ein. Am Pult der Dortmunder Philharmoniker macht sich Jordan de Souza für Grandvals erlesen instrumentierte Partitur stark. Aus dem Orchestergraben tönt eine Musik, die in ihrer Süffigkeit, Eleganz und dramatischen Zuspitzung Massenets „Werther“ nahesteht. Das Jubelpathos mancher Massenszene wird durch diesen Edelton abgefedert: Zu hören sind große Gefühle, die vielschichtig schillern und nie in den Schwulst kippen. Die Dortmunder Philharmoniker ziehen vom klangzarten Naturidyll bis zu machtvollen Fluchmotiven engagiert mit.

In den Filmsequenzen erfindet die Regie Figuren hinzu, unter anderem eine Teufelsgetstalt. Sie soll wohl einen faustischen Pakt andeuten: Mazeppa als Spielball dunkler Mächte, als bloßes Werkzeug im Kampf um die Macht. Damit schrumpft die historische Vielschichtigkeit zur Moralparabel: Aus komplexen Akteuren werden Marionetten eines simplen Gut-und-Böse-Schemas. Auf diese Weise banalisiert die Inszenierung Grandvals Stück mehr, als dass sie es befragt. Die Bühne wird zur Großtreppe, auf der sich Videoprojektionen, Totenschädelmasken und ein plakativ aufgebahrtes Pferd zu immer neuen Bildern schichten - starke Oberflächen, aber hohle Zeichen. Die Botschaften dahinter sind ernüchternd banal: Krieg ist schlecht, Macht korrumpiert, Geld regiert die Welt. Wer hätte das gedacht.